Mozart, Süßmayr und der Graf von Walsegg. Die skurrile Entstehungsgeschichte von Mozarts Requiem

Das Kino hat aus den tragischen letzten Lebensmonaten von Wolfgang Amadeus Mozart ein Doku-Drama mit allerlei spekulativen Zugaben gemacht. Die Entstehungsgeschichte seines Requiems wird so zu einer Kriminalgeschichte aus Eifersucht, Rache und einem Giftanschlag. Lassen wir diese Fantasien mal außer Acht. Das, was historisch gesichert ist, ist noch immer – gelinde gesagt – skurril.

Im Juli 1791 stand ein Unbekannter vor Mozarts Tür und erbat im Auftrag seines Herrn die Komposition eines Requiems. Das war nichts Ungewöhnliches, denn Mozart bestritt einen wichtigen Teil seines Einkommens mit Auftragskompositionen. Merkwürdig war, dass der Auftraggeber anonym bleiben wollte. Mozart sollte für das Requiem großzügig entlohnt werden. Der Bote hatte die Hälfte des Betrags bereits bei sich. Die Restzahlung sollte erfolgen, wenn das Werk fertiggestellt war. Mozart brauchte das Geld und willigte ein.

Das Geheimnis der Identität dieses Unbekannten ist aber längst gelüftet. Es war der 28-jährige Graf Franz von Walsegg, ein österreichischer Grundbesitzer, der selbst komponierte und private Konzerte auf seinem Schloss Stuppach an der Grenze zwischen Niederösterreich und Steiermark veranstaltete. Dazu beauftragte er talentierte Komponisten, gab aber ihre Werke bei der Aufführung als eigene Kompositionen aus. Nun war dem jungen Adligen seine 20-jährige Ehefrau verstorben. Aus Trauer über diesen Verlust beauftragte er seinen Verwalter, bei niemand geringerem als dem großen Mozart ein Requiem zu bestellen, das im kommenden Jahr an ihrem Todestag aufgeführt werden sollte. Der Name des wahren Komponisten durfte allerdings auch diesmal nicht erwähnt werden.

Mozart machte sich umgehend an die Arbeit, erkrankte aber schwer. Als er am 5. Dezember 1791 starb, waren nur wenige Teile des Werkes vollendet, von einigen gab es Skizzen. Mit anderen Sätzen des Werkes hatte er noch gar nicht begonnen.

Mozarts Witwe Konstanze war auf das Honorar für das Auftragswerk angewiesen, befürchtete aber, dass die Schlusszahlung ausbleiben würde, wenn das Werk nicht termingerecht fertiggestellt würde. Der Auftraggeber könnte sogar die Anzahlung zurückverlangen. So beauftragte sie mehrere Schüler ihres Mannes, das Requiem in seinem Sinne zu vollenden. Die gesamte Komposition sollte als Arbeit Mozarts erscheinen. Nur so konnte sie den Anspruch auf die gesamte Summe geltend machen.

Mehrere Mozartschüler machten sich ans Werk. Aber einzig Franz Xaver Süßmayr hatte die Entstehung des Werkes von Anfang an begleitet und kannte die Ideen seines Lehrers. Er vollendete die angefangenen Sätze, schrieb die noch fehlenden Stücke und griff auch in die von Mozart bereits vollendeten Sätze ein, um den Makel zweier unterschiedlicher kompositorischer Handschriften zu verdecken. Schließlich fälschte er die Unterschrift seines Meisters.

Das so vollendete Werk übergab die Witwe dem Boten. Franz von Walsegg zahlte den vereinbarten Preis, bestand aber darauf, dass der Komponist nicht bekannt werden dürfe. Konstanze kämpfte jedoch dafür, das Requiem unter dem Namen ihres verstorbenen Mannes den Verlagen anzubieten. Nach einem Jahr gab der Graf schließlich nach und räumte ein, dass nicht er selbst dieses anrührende Werk voller Schönheit und Trauer geschaffen hatte.


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