„Brich an, o schönes Morgenlicht!“ – War Bach ein Provokateur oder eher ein Mensch mit Hoffnung?

Bach stammte aus einer Musikerfamilie. Seine Söhne, soweit sie das Erwachsenenalter erreichten, wurden allesamt Musiker wie der Vater. Einige übertrafen den Ruhm, den ihr Vater zu Lebzeiten hatte. Über seine Töchter ist leider nur sehr wenig bekannt.
Er arbeitete in mehreren Anstellungen, am längsten als Thomaskantor in Leipzig. Sein ganzes Leben lang betrat er aus Gewissensgründen keine katholische Kirche. Auch darin war er ein treuer Diener seiner Herren. Ein Provokateur war er nicht. Aber er konnte Provokatives an der Botschaft der Bibel entdecken und genial in Noten umsetzen.

Brich an, o schönes Morgenlicht! aus: J. S. Bach, Weihnachtsoratorium, Kantate 2
La Petite Bande, Sigiswand Kuijken

Brich an, o schönes Morgenlicht, / und lass den Himmel tagen!
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht, / weil dir die Engel sagen,
dass dieses schwache Knäbelein / soll unser Trost und Freude sein,
Dazu den Satan zwingen / und letztlich Friede bringen!

Dieser Choral fasst den Kern des Weihnachtsoratoriums in wenigen Zeilen zusammen. Das Kind, das da auf die Welt kommt, wird ein König genannt. Doch welch ein König ist das!? Er kommt nicht in einem Palast zur Welt. Er schläft nicht in einem Himmelbett, er trägt keine teure Kleidung. Das Pferd wird nicht sein Reittier sein, sondern er zieht auf einem Esel in die Stadt Jerusalem ein. Insignien der Macht lehnt er ab.

Den Mächtigen seiner Zeit gelingt nur ein Frieden durch Unterdrückung. „Letztlich Frieden“ zu bringen ist dem vorhalten, der am Weihnachtstag – ohne jeden Wohlstand – geboren wird. Zwar ist sein Frieden, den Bachs Choral ersehnt, noch immer nicht eingekehrt, aber das Kind in der Krippe hat in der Tat die Welt mehr verändert, als Kaiser Augustus und König Herodes es je gelungen ist. Der Choral nährt die Hoffnung, dass die Herrschaft des Friedenskönigs letztlich doch kommen wird. Die Mächtigen sollen also damit rechnen, dass ihre Tage gezählt sind.

Ob die Fürsten und Stadträte, denen Bach diente, diese Dimension des Weihnachtsoratoriums wahrgenommen haben?


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