Johann Sebastian Bach: Unsere Töne – ein Denkmal des Augenblicks

Das älteste noch existierende Denkmal für Johann Sebastian Bach steht in Leipzig und wurde von Felix Mendelssohn finanziert.

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium ist das im öffentlichen Konzertleben beliebteste Stück klassischer Chormusik unserer Tage. Da erstaunt es, dass die Kompositionen Bachs unmittelbar nach seinem Tod mehr oder weniger in Vergessenheit geraten waren. Die Neuentdeckung des Barockkomponisten in den 1820 und 1830er Jahren ist eng mit der Familie Mendelssohn Bartholdy verknüpft. Lea Mendelssohn geb. Salomon, eine Pianistin und Mutter von Fanny und Felix, verehrte den großen Leipziger sehr. Ihre berühmten Kinder studierten seine Musik sorgfältig und ließen sich von ihr anregen. Dass Bach aber auch in „seiner“ Stadt, wiederentdeckt wurde, ist dem beharrlichen Bemühen Felix Mendelssohns zu verdanken, der auch dort die Kompositionen des Thomaskantors aufführte und unmittelbar neben seiner ehemaligen Wirkungsstätte das älteste noch bestehende Denkmal für Johann Sebastian Bach aufstellen ließ. Es wurde am 23. April 1843 feierlich enthüllt. Das inzwischen mehrfach restaurierte Sandsteinmonument wurde von Hermann Knaur geschaffen und von Mendelssohn aus Konzerterlösen und eigenem Vermögen finanziert.

Die Leipziger Illustrirte Zeitung widmete dem großen Komponisten und dem neuen Denkmal im Sommer 1843 einen zweiseitigen Artikel, der die Bach-Renaissance der Zeit anschaulich beschreibt. Er beginnt mit einer Würdigung Bachs, beschreibt den Festakt und fragt sich schließlich, wie der große Sohn der Stadt in der Zukunft und über die Grenzen der Region angemessen verehrt werden kann. In diesen Zusammenhang ist vor allem sein Schlusssatz eine Verpflichtung, auch für Chöre von heute.

In ihrer Ausgabe vom 8. Juli 1843 war dort zu lesen:

Zu allen Zeiten hat es Geister gegeben, die so weit über ihre Mitwelt hinausragten, dass sie zwar bestaunt und bewundert wurden, aber nicht ganz verstanden werden konnten. … Für sie ist dann früher oder später eine Zeitepoche eingetreten, in welchem ihr Ruhm von Neuem ein lebendiger geworden, in welcher ihre wahre Größe erst wahrhaft erkannt und gewürdigt worden ist. So geschieht es in der Jetztzeit mit Johann Sebastian Bach. Erst in der neusten Zeit haben sich einige Männer, unter ihnen Friedrich Rochlitz (ein Leipziger Theologe und Musikwissenschaftler und Publizist, der im Vorjahr verstorben war) und  Mendelssohn Bartholdy, selbst ein würdiger Geistesgenosse Bachs, die Werke des großen Tonmeisters wieder an das helle Licht zu ziehen. (Quelle)

Der Autor stellt den Thomaskantor sodann in einer ausführlichen Biografie vor, die in der Leserschaft offenbar bis dato völlig unbekannt war. Die Zeitung fährt fort:

… da hat Mendelssohn Bartholdy dem Vorvorderen ein sichtbares Zeichen der Anerkennung an dem Orte, wo dieser wirkte und starb, aufgestellt. Dieses besteht in einem Monumente, welches, wenige Schritte von Bachs ehemaliger Kantorenwohnung in dem Gebäude der Thomasschule, enthüllt worden ist. Der edle Stifter hat die Mittel zu diesem Denkmale teils durch eigene zu diesem Behufe veranstaltete Konzerte herbeigeschafft, teils aber auch als edles Opfer für seine Kunst selbst gewährt. Das letzte dieser Konzerte gab dem Tage der Enthüllung des Monuments selbst die Weihe. Es fand unmittelbar vor derselben, vormittags um 11 Uhr, im Konzerthause des Gewandhauses statt. (Quelle)

Darauf folgt eine ausführliche Konzertkritik, die auch die Mitwirkenden erwähnt: den Konzertmeister des Gewandhauses, Ferdinand David mit einem Violinsolo, den Thomanerchor, das Orchester des Gewandhauses, das sich damals noch in der Leipziger Altstadt befand, sowie Felix Mendelssohn selbst, der ein Klavierkonzert Bachs spielte.

Der Artikel endet weitsichtig und als Auftrag für künftige Generationen:

„Erschien die Errichtung eines Monuments an dem Orte seiner Wirksamkeit nur eine örtliche Angelegenheit, so wird auch bald die Zeit kommen, wo man unserem großen Tonmeister ein Nationaldenkmal stiftet, indem man seine Werke sorgfältiger und vollständiger als bisher sammelt und in würdiger Weise ausgestattet, dem kunstliebenden Publikum übergibt.“ (Quelle)


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