Innsbruck, ich muss dich lassen. Ein mehr als 500 Jahre altes Abschiedslied der Wandergesellen macht Karriere.

Ende des 15. Jahrhunderts. In Innsbruck pulsierte das Leben. Kaiser Maximilian hielt sich mit seinem Hofstaat gerne hier auf. Auch deshalb war die Stadt am Inn ein beliebtes Ziel von jungen Männern, die hier einen Meister suchten, bei dem sie lernen durften. Umgekehrt mussten die Einheimischen ihrerseits für ihre Gesellenzeit auf Wanderschaft gehen. Volkslieder wie „Das Wandern ist des Müllers Lust“ erinnern heute noch daran, dass das Reisen zu Fuß zur Ausbildung der Handwerker gehörte. Die Zunftordnung verlangte, dass Gesellen mehrere Stationen bei verschiedenen Meistern durchliefen.

Die Innsbrucker Mädchen werden die jungen Männer, die in die Metropole kamen, interessiert beobachtet haben. Bei Volksfesten, religiösen Festen, auf dem Markt oder in der Gastwirtschaft konnte man einander kennenlernen. Geselligkeit, Freundschaft, Liebe, aber auch Abschiede und Trennung gehörten für die jungen Menschen zum Leben und fanden ihren Ausdruck in Gesängen und Gedichten. Ein Abschiedslied aus Innsbruck ist bis heute erhalten.

Innsbruck, ich muss dich lassen,
ich fahr dahin mein Straßen,
in fremde Land dahin.
Mein Freud ist mir genommen,
die ich nit weiß bekommen,
wo ich Elend bin.

Groß Leid muss ich ertragen,
dass ich allein tu klagen
dem liebsten Buhlen mein.
Ach Lieb, nun lass mich Armen
im Herzen dein erwarmen,
dass ich muss dannen sein.

Mein Trost ob allen Weiben,
dein tu ich ewig bleiben,
stets, treu, der Ehren frumm.
Nun muss dich Gott gewahren
in aller Tugend sparen,
bis dass ich wiederkumm.

Die Herkunft der Melodie ist unbekannt. Der Komponist Heinrich Isaac, der in Florenz und Innsbruck wirkte, schrieb sie auf und komponierte einen vierstimmigen Chorsatz dazu. In Florenz wirkte er als Sänger und Musiker im Dienste der Medici und als Musiklehrer der Kinder von Lorenzo de’ Medici. In Innsbruck und Salzburg diente er Kaiser Maximilian am habsburgischen Hof.

Als Wanderer zwischen dem spätmittelalterlichen Tirol und dem Italien der Renaissancezeit war er in einer zeitgemäßen Kompositionskunst ausgebildet und pflegte eine moderne Aufführungspraxis. Nachgewiesen ist die schlichte, zurückhaltende und traurige Melodie erstmals 1495. Seufzermotive am Ende jeder Strophe sind eine musikalische Darstellung des Kummers und unterstreichen den Abschiedsschmerz.

Heinrich Isaac starb 1517, im Jahr des Thesenanschlags. Mit der reformatorischen Bewegung entstand in dieser Zeit auch eine neue Kultur des geistlichen Liedes. Die neuen Gottesdienstformen verlangten Liedgut mit reformatorischen Texten in der Landessprache und gut singbaren und bekannten Melodien. Luther selbst dichtete zahlreiche Kirchenlieder und verwendete dazu volkstümliche Melodien seiner Zeit.

So hielt auch die Melodie aus Innsbruck im 16. Jahrhundert Einzug in die lutherischen Gesangbücher. Die älteste geistliche Textfassung eines unbekannten Dichters ist das Sterbelied „O Welt, ich muss dich lassen“. Es entstand um 1555. Was als Lied der Wanderburschen zu traurigen Abschieden von ihrer Liebsten und ihrer Hoffnung auf ein Wiedersehen gepasst hatte, konnte nun auch mit religiösem Text auf dem Friedhof gesungen werden.

Von dem bedeutenden protestantischen Liederdichter, dem Theologen Paul Gerhard, stammen zwei weitere Kontrafakturen, die der bekannten Melodie einen neuen Text gaben. Sie wurden gegen Ende des dreißigjährigen Krieges geschaffen und fanden in das evangelische Gesangbuch (EG), eines sogar in das katholische Gotteslob (GL). Es sind dies das Passionslied „O Welt, sieh hier dein Leben“ (EG 84) und das Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ (EG 477, GL 101).

Die Krönung in der Rezeptionsgeschichte der Innsbrucker Melodie in Kombination mit dem geistlichen Text von Paul Gerhard gelang keinem Geringeren als Johann Sebastian Bach, und das gleich mehrfach. In seiner Kantate „In allen meinen Taten“ (BWV 97) aus dem Jahre 1734 griff er im Eingangschor und im Abschlusschoral „So sei nun, meine Seele, deine“ auf diesen Choral zurück und verarbeitete ihn mit barocker Meisterschaft.

Auch in seinen berühmten Passionen findet sich die leicht veränderte Melodie des altes Volksliedes an mehreren Stellen. Sowohl in der Matthäuspassion als auch in der Johannespassion erklingt sie mit dem Text von Paul Gerhard „Wer hat dich so geschlagen?“ In der Matthäuspassion verarbeitet sie der große Thomaskantor an der Stelle, an der der Evangelist erzählt, dass sich Jesus mit seinen Jüngern zum letzten Abendmahl versammelt hatte. Nachdem das Mahl beendet war, sprach Jesus: „Wahrlich, ich sage euch, einer unter euch wird mich verraten.“ Die Jünger erschraken und „wurden sehr betrübt und huben an, ein jeglicher unter ihnen, und sagten zu ihm: Herr, bin’s ich?“

Diese Frage ist eine Steilvorlage für eine geistliche Dichtung des Barock. Bach jedenfalls dachte hier an „O Welt, sieh hier dein Leben“ und ließ den Chor die dritte Strophe des Paul-Gerhards-Liedes anstimmen. Stellvertretend für die gläubige Gemeinde beantwortet er die Frage „Bin ich’s, Herr?“ selbst:

Ich bin’s, ich sollte büßen
an Händen und an Füßen,
gebunden in der Höll‘.
Die Geißeln und die Banden
und was du ausgestanden
das hat verdienet meine Seel.

Fast 170 Jahre nach der Erstaufführung der Matthäuspassion komponierte Johannes Brahms im Jahr 1896 ein Orgelvorspiel zu dem Choral „O Welt, ich muss dich lassen“. Sie ist eine seiner letzten Kompositionen. Als er im April des nächsten Jahres in Wien verstarb, wo er seit 1871 wohnte, war das Autograph dem Verlag noch nicht zugegangen. Seine Erben erfüllten den letzten Willen des Komponisten und ermöglichten die Veröffentlichung einer weiteren ergreifenden Vertonung der Innsbruck-Melodie. Das Abschiedslied der wandernden Gesellen wurde so zur Melodie des Abschieds von dem großen romantischen Komponisten.


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