Warum die Volksliedkultur lange von Konzertchören gemieden wurde und wie Abhilfe möglich ist. Ein Gespräch mit Volker Hempfling

Volker Hempfling

Wenn Volker Hempfling nach seiner Liebe zum Volkslied gefragt wird, dann erinnert er sich an seine Großmutter. „Sie hatte eine wunderbare Stimme“, sagt er. „Jeden Abend sang sie das von Brahms komponierte und nun zum Volkslied gewordene Guten Abend, gute Nacht.“ Als sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, war er fünf Jahre alt. Zusammen mit Großmutter und Mutter holte er ihn vom Bahnhof in Homburg ab. Wenn die Familie sonntags wanderte, sang er aus vollem Hals die Volkslieder, die er allesamt auswendig kannte. Auch die Mutter sang mit. Mit 19 Jahren war sie bereits Grundschullehrerin und pflegte das Liedgut in ihrem Unterricht.

Als Hempfling dann die Musikhochschule besuchte und Kirchenmusiker wurde, endete die Beschäftigung mit der Volksmusik. In Kantoreien und Konzertchören wurden die großen Oratorien musiziert, das Volkslied hingegen wurde gemieden. In den Nachbarländern war die Volksliedtradition ungebrochen, aber hierzulande wurden die eigenen musikalischen Wurzeln kritisch beäugt und vielfach gemieden. Den Grund dafür fand Hempfling in den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Diktatur, die das deutsche Volksliedgut missbraucht und die Tradition des gemeinsamen Singens beschmutzt hatte.

In der Bundesrepublik des 20. Jahrhunderts schwammen in dieser Hinsicht nur zwei Musiker jahrzehntelang gegen den Strom und nahmen dafür in Kauf, dass sie belächelt und kritisiert wurden. Heino interpretierte die Volkslieder im Stil der Schlagermusik und verkaufte (nach eigenen Angaben) 50 Millionen Tonträger. Gotthilf Fischer animierte viele Gesangvereine zur Pflege des traditionellen Liedguts. Das Anliegen der beiden Musiker unterstützte Hempfling. Doch weder Heino noch Gotthilf Fischer bewirkten, dass auch Konzertchöre sich wieder der Tradition des deutschen Liedguts widmeten. Sie störten sich an der Volkstümelei des blonden Schlagersängers mit der Sonnenbrille und mochten die riesigen Sängerfeste des schwäbischen Autodidakten nicht.

So wurde im Jahr 2003 die Idee eines Volksliederbuches mit Chorsätzen für das Niveau von Oratorien- und Kammerchören geboren. Volker Hempfling und Günter Graulich, der damalige Verlagsleiter des Carus-Verlags, machten sich an die Arbeit. Ein langer Weg lag vor ihnen. Klassische Chorsätze sollten ebenso Eingang in ein Liederbuch finden wie die Kompositionen zeitgenössischer Musiker. Drei Jahre vergingen, dann konnte das Werk vorgestellt werden. Das Volksliederbuch Lore-Ley mit 124 Liedsätzen in einer breiten Stilvielfalt wird nun seit 15 Jahren von vielen Chören im In- und Ausland regelmäßig verwendet. Bewährte klassische Schätze, moderne Kompositionen und verjazzte Bearbeitungen finden sich dort neben Sätzen aus Romantik und Renaissance. Die Vielfalt war Programm. Nur eines durfte nicht verändert werden: Die Melodie des Liedes war unantastbar.

Volker Hempfling, Günter Graulich: Lore-Ley, Chorbuch Deutsche Volkslieder für gemischen Chor a cappella, Carus-Verlag, 2006


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