„Seht, da ist euer König.“ Am 30. März 2014 führte der Oratorienchor Johann Sebastian Bachs Johannespassion in der Pirmasenser Festhalle auf.

Fast auf den Tag genau sind es sieben Jahre her.

Wer diesem Konzert beiwohnen durfte, konnte die unübertroffene Klarheit und Schönheit dieses Werkes bewundern, in dem Musik und Text miteinander verschmelzen. Bach war ein Meister darin, mit Harmonik und Melodieführung Worte zu betonen und ihre religiöse Bedeutung musikalisch zu unterstreichen. Weinen, Klagen, aber auch Trost und Mitgefühl bekommen in dieser Komposition eine musikalische Gestalt, wie es vor ihm und auch nach ihm niemand vergleichbar schaffen konnte.

Die Johannespassion entstand in seinem ersten Jahr in Leipzig. Ende Mai 1723 hatte er dort seinen Dienst als Thomaskantor angetreten. Dreißig seiner unvergleichlichen Kantaten stammen aus diesem Jahr. Trotz dieses immensen Outputs gelang es ihm, in den Wochen der Passionszeit des Jahres 1724 ein weiteres zweistündiges Werk für den Karfreitag des Jahres 1724 zu schaffen.

Ein Oratorium für diesen Feiertag war keine neue Kunstform. Schon im 17. Jahrhundert war es üblich geworden, die Passionsgeschichte des Neuen Testaments in verteilten Rollen zu singen. Seit dem frühen 18. Jahrhundert wurden dem gesungenen Text Choräle, Arien und Instrumentalsätze hinzugefügt. Wie vor ihm schon Heinrich Schütz nahm Bach diese Tradition auf und schuf ein Meisterwerk, das am 7. April in der Nikolaikirche in Leipzig zum ersten Mal erklang.

Die Erzählung des Evangelisten ließ Bach von einem Tenor vortragen. Jesus und Pilatus, die beiden Hauptrollen, übernahmen zwei Bassisten, für die seine Komposition weitere Arien bereithält. Die beiden weiblichen Solostimmen haben vergleichsweise wenig zu singen. Ihnen kommt aber die wichtige Aufgabe zu, der Gemeinde die Bedeutung des Erzählten für das eigene Leben zu vermitteln. Wenn der Evangelist erzählt, dass Jesus von den Soldaten des Hohenpriesters abgeführt wird und ihm dabei zwei seiner Jünger folgten, nimmt der Sopran dieses Motiv auf und singt: „Ich folge dir gleichfalls.“ Die Sängerin ermuntert so die Gemeinde, es den Jüngern gleichzutun.

„Ich folge dir gleichfalls.“ Diese im Februar 2020 veröffentlichte Aufnahme der Johannespassion in der zweiten Fassung von 1725 mit dem Instrumentalensemble Wunderkammer aus Berlin und dem Hamburger Vokalensemble Ælbgut überzeugt durch seine schlanke Besetzung. Es entsteht ein klares Klangbild, die Choräle wirken wunderbar schlicht.
Evangelist: Benedikt Kristjánsson; Jesus: Felix Schwandtke. Sopran: Isabel Schicketanz, Altus: Stefan Kunath, Tenor: Florian Sievers, Bass und Pilatus: Martin Schicketanz

Die Dialoge des Johannesevangelium werden im Oratorium ungekürzt wiedergegeben. Pilatus und Jesus „sprechen“ in der Johannespassion immer wieder miteinander. Auch der Chor wird Teil der dramatischen Handlung. Er hat in der Johannespassion zwei Aufgaben. Er übernimmt einerseits die Rolle der aufgebrachten Menge, die von dem römischem Statthalter, der im Johannesevangelium in ein mildes Licht getaucht wird, ein hartes Urteil für den Angeklagten fordert. Äußert Pilatus seinen Respekt für den Gefangenen, so ruft der Chor: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ Schlägt er der Jerusalemer religiösen Obrigkeit vor, Jesus doch selbst zu richten, dann ruft die Menge: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben.“ Und als er ihr den gefesselten Jesus mit den Worten präsentiert: „Seht, da ist euer König!“, da schreit die aufgebrachte Menschenmenge: „Wir haben keinen König denn den Kaiser.“

Mit den kurzen, aber anspruchsvollen Turbachören (von lat. turba, Menge) gelingt es Bach, die Dramatik der Szenen musikalisch darzustellen.

Daneben hat der Chor eine weitere Rolle, die sich aus dem Wesen des Gottesdienstes ergibt, in dem die Passion erklang. Die Choräle des Werkes sind die Antwort der Gläubigen auf das besungene Geschehen. Wenn der Tenor erzählt, dass einer der Diener des Hohenpriesters Jesus einen „Backenstreich“ gegeben habe, dann fragt der Chor in der ersten Strophe eines Chorals: „Wer hat dich so geschlagen?“ Seine Antwort gibt er selbst, in der unmittelbar darauffolgenden zweiten Strophe, in der die barocke Mystik des 18. Jahrhunderts sichtbar wird: „Ich, ich und meine Sünden … die haben dir erreget das Elend, das dich schlug.“ Das erzählte Geschehen, das Jahrhunderte zurück liegt, wird aus seinem historischen Kontext herausgelöst. Die Ohrfeige, die einer der Diener dem Gefesselten gibt, wird zur Metapher. Die Frömmigkeit des 18. Jahrhundert konnte in den Schmerzen, die dem Erlöser von einem Knecht zufügt wurden, ein Sinnbild für die menschliche Sünde sehen.

In der Passionsandacht, in der die Johannespassion aufgeführt wurde, war auch eine Predigt vorgesehen. Als der Evangelist singend erzählt, dass Petrus seinen Meister dreimal verleugnet hatte, erinnert der krähende Hahn den Jünger daran, dass er versagt hat. Er weint bitterlich. Ist sein Weinen schon Reue? Der Chor muss das Versagen des ersten der Jünger und nachmaligen Apostels bewerten. Auch im Namen der versammelten Gemeinde, die ihre Sünde erkennen soll, singt er deshalb ein Gebet. „Jesu, blicke mich auch an, wenn ich nicht will büßen. Wenn ich Böses hab getan, rühre mein Gewissen.“

„Petrus, der nicht sieht zurück.“ Evangelist: Benedikt Kristjánsson; Jesus: Felix Schwandtke. Sopran: Isabel Schicketanz, Altus: Stefan Kunath, Tenor: Florian Sievers, Bass und Pilatus: Martin Schicketanz

Wird die Johannespassion heute aufgeführt, folgt nun die Pause. Das Konzertpublikum eilt zu den Stehtischen und freut sich auf einen Sektumtrunk. Auch bei der Uraufführung legten die Musiker an dieser Stelle ihr Instrument beiseite und die Choristen durften sich setzen. Aber nicht um an die Bar zu gehen, sondern um die Predigt zu hören. Dem Pfarrer war es überlassen, das Evangelium der Sündenvergebung auszulegen. Wir wissen nicht, wie lange seine Ansprache während der Uraufführung des Werkes dauerte, aber barocke Predigten waren nicht kurz. Als das Amen gesprochen war, stand der Chor wieder auf, um auf die Ansprache zu antworten. Er tat das, stellvertretend für die Gemeinde, mit einem weiteren Choral: „Christus, der uns selig macht.“

„Christus, der uns selig macht.“ Evangelist: Benedikt Kristjánsson; Jesus: Felix Schwandtke. Sopran: Isabel Schicketanz, Altus: Stefan Kunath, Tenor: Florian Sievers, Bass und Pilatus: Martin Schicketanz

Als die Erstaufführung verklungen war, war das Publikum in der Nikolaikirche vor allem eines: erschöpft. Zeitgenössischen Quellen zufolge hatte die Passionsandacht fünf Stunden gedauert. Aber auch einige heute besonders geschätzte Teile der Komposition könnten die Hörer überfordert haben. Vor allem der Eingangschor mit den kunstvoll komponierten Dissonanzen klang für die Zeitgenossen Bachs sicher ungewöhnlich „modern“ und war für einen Gottesdienst grenzwertig lang. Bach überarbeitete sein Werk denn auch. Er ersetzte den Anfangs- und Schlusschor durch zwei Choralbearbeitungen und nahm weitere Änderungen vor. Mit dieser weit seltener aufgeführten zweiten Fassung seiner Johannespassion von 1725 verkürzte er seine Komposition geringfügig und konnte dem Leipziger Publikum ein in Teilen neues Werk präsentieren.

„O Mensch, bewein dein Sünden groß.“ In der zweiten Fassung seiner Johannespassion 1725 ersetzte Bach den langen Eingangschor von 1724 durch diese Choralbearbeitung. In einer nochmaligen Überarbeitung entfernte er dieses Element wieder und fügte es in seine Matthäuspassion ein.

In einer weiteren Bearbeitung machte Bach einen Großteil dieser Änderungen wieder rückgängig. Uns Nachgeborenen hat er damit drei Fassungen eines himmlischen Werkes hinterlassen, allesamt unerreichte Schöpfungen eines genialen Meisters der Tonkunst.

Christe du Lamm Gottes.“ Mit diesem wunderschönen Schlusschor endet Bachs zweite Fassung seiner Johannespassion.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s