War König Herodes wirklich ein Unmensch?

Herodion, Festung und Grabstätte des Herodes

Die letzten beiden Kantaten der Weihnachtsoratoriums greifen die Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums auf. Sie erzählen von der Ankunft der Sterndeuter in Jerusalem, wo sie nach dem neugeborenen König der Juden fragen, und von der Rettung des Kindes vor Herodes, der ihm nach dem Leben trachtet. Es ist die Geschichte einer Königssuche und handelt von Verehrung, von Forschergeist, von Angst, Erschrecken und Lügen.

Sterndeuter kamen nach Jerusalem und traten dort vor den König. Sie sagten: „Wir haben einen neuen Stern am Himmel entdeckt. Wenn ein Stern entsteht, dann ist ein neuer König geboren. Wir sind zu dir gekommen, um ihm Geschenke zu bringen. Wo finden wir ihn?“
Als König Herodes das hörte, erschrak er. „Ein neugeborener König? Hier in meinem Land? Er wird mich vom Thron stoßen!“  Er rief gelehrte Menschen zu sich und fragte sie: „Steht in den heiligen Büchern etwas über einen König, der in meinem Land geboren wird?“ Die Gelehrten antworteten: „Der Prophet Micha hat geschrieben: Aus Betlehem wird der König kommen. Sein Königreich wird kein Ende haben.“ Da sagte Herodes zu den Sterndeutern: „Das Kind ist in Betlehem auf die Welt gekommen. Geht dort hin und sucht es! Und wenn ihr es gefunden habt, dann kommt zurück und sagt es mir. Auch ich möchte ihm Geschenke machen.“ In Wahrheit aber hatte er Böses im Sinn. Die Sterndeuter brachen auf und der Stern zeigte ihnen den Weg. Sie fanden das Haus, in dem das Kind war. Sie gingen hinein und fanden das Kind mit seiner Mutter Maria. Sie warfen sich vor ihm auf den Boden und beteten es an. Sie breiteten ihre Geschenke vor ihm aus: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

In der Bibel hat Herodes kein gutes Image. Er gilt als grausam, weil von ihm erzählt wird, dass er die unschuldigen Kinder in Bethlehem habe töten lassen. In der Tat war Herodes zwar ein kluger und weitsichtiger, allerdings auch grausamer Herrscher, dem es gelang, durch geschickte Winkelzüge und politischen Frontenwechsel seine Herrschaft jahrzehntelang zu bewahren. Als Bauherr und Stratege war er genial. Seine langjährige Herrschaft war aber auch geprägt von einer panischen Angst vor Anschlägen und von Unerbittlichkeit gegenüber Konkurrenten. Selbst seine eigenen Kinder waren nicht sicher vor ihm, wenn er befürchte, dass sie nach seinem Thron trachteten. Der Mord an den unschuldigen Kindern von Bethlehem, würde, auch wenn es keine historischen Belege für diese Untat gibt, durchaus zu ihm passen.

Bach nutzte die Gestalt des antiken Herrschers als Metapher für alle Feinde des Guten, die am Ende aber nicht die Oberhand behalten können.

„Du Falscher, suche nur den Herrn zu fällen.“ aus: J. S. Bach, Weihnachtsoratorium, Kantate 6
La Petite Bande, Sigiswand Kuijken

Du Falscher, suche nur den Herrn zu fällen,
Nimm alle falsche List, / dem Heiland nachzustellen;
Der, dessen Kraft kein Mensch ermisst, / bleibt doch in sichrer Hand.
Dein Herz, dein falsches Herz ist schon, / nebst aller seiner List, des Höchsten Sohn,
Den du zu stürzen suchst, sehr wohl bekannt.

So nimmt die Geschichte ein gutes Ende. Sowohl die nichts ahnenden Sterndeuter als auch die junge Familie werden von einem Engel Gottes gewarnt:

In der Nacht hatten die Sterndeuter einen Traum. Eine Stimme sprach zu ihnen: „Geht nicht zu Herodes zurück!“ Da reisten sie auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurück. Zur gleichen Zeit hatte auch Josef einen Traum. Er hörte einen Engel, der sprach zu ihm: „Geht nach Ägypten und bleibt dort, bis ich es dir sage, du, Maria und das Kind!“ Noch in der gleichen Nacht stand er auf. Zusammen reisten sie nach Ägypten. Dann starb König Herodes. So kehrte die Familie nach Hause zurück.

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium auf www.oratorienchor-ps.de
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