Kann ein Hirtengesang schöner sein?

Gerrit van Honthorst (1592-1656): Die Anbetung der Hirten

Definitiv nein. Der einzige rein orchestrale Satz von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratoriums wiegt sich im 6/8-Takt. Er eröffnet die zweite Kantate des Werks und erzeugt idyllische Hirtenromantik. Das Libretto der Kantate erzählt von der nächtlichen Vision der Hirten, die die Botschaft der Engel hören. Der Bote Gottes fordert sie auf, unverzüglich in die Stadt Davids zu eilen und nachzuprüfen, ob es stimmt, was der Engel gesagt hat. Die Stadt Davids, das ist Bethlehem, der Ort, vor dessen Toren sie sich in der Nacht aufhalten. So brechen sie auf und finden das Kind in der Krippe. Alles ist so, wie es der Engel gesagt hat.

Die Einleitung dieser Kantate, von Bach mit Sinfonia überschrieben, idealisiert die Lebensweise der Hirten, die in der freien Natur leben und dort auch übernachten. Bach gelingt das durch den vermehrten Einsatz der Oboen. Trompeten und Pauken müssen in der gesamten Kantate schweigen.
Hirte zu sein, war allerdings keinesfalls eine idyllische Tätigkeit. Sie lebten im Freien und galten als armseliger und – da ihnen die Schafe, die sich hüteten, nicht gehörten – auch als unehrlicher Berufsstand. Auch in der Weihnachtsgeschichte lassen sie ja die Schafe unbeaufsichtigt zurück. Doch dass die Engel gerade ihnen die frohe Botschaft mitteilen und die jungen Eltern von den armen und verachteten Hirten Besuch erhalten und von ihnen erfahren, was für ein Kind Maria da zur Welt gebracht hat, ist ein Bild für die Theologie, die der Evangelist erzählerisch entfaltet: Dass Jesus geboren ist, ist eine gute Botschaft vor allem für die Armen.

Sinfonia, aus: Johann Sebastian Bach, Weihnachtsoratorium, Kantate 2
La Petite Bande, Sigiswand Kuijken

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium auf www.oratorienchor-ps.de
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