Lebenswerk

Helfried Steckel, der langjährige Chorleiter des Oratorienchors Pirmasens hat am 10.09.2020 zum letzten Mal die Probe „seines“ Chores geleitet. Nach über 2.000 Chorproben, 75 Konzerten und 46 Jahren verantwortungsvoller und erfolgreicher künstlerischer Arbeit verabschiedete er sich unter großen Beifall der Sängerinnen und Sänger. Zusammen mit ihm tritt auch seine Frau Vilja Steckel, jahrzehntelang Repetitorin und musikalische Beraterin ihres Ehemanns, in den wohlverdienten Ruhestand.

Bedingt durch die Pandemie musste eine Ehrung auf bessere Tage verschoben werden. Doch die kurze „Probe unter freiem Himmel“ (mit vorgeschriebenen Abständen) endete nicht traurig oder still, sondern mit einem frohen Zusammensein (unter Beachtung der Corona-Vorschriften) sowie mit Dankbarkeit und Respekt, ja mit Freude.

Aus der kurzen Laudatio des Vorstands:
„Im Januar hatte das Ehepaar Steckel angekündigt, im Herbst dieses Jahres die musikalische Leitung des Oratorienchors in jüngere Hände legen zu wollen. Dieser Herbsttag, liebe Sängerinnen und Sänger, ist nun gekommen. Helfried Steckel legt heute den Dirigierstab aus der Hand, steigt vom Pult herab und nimmt in dem Sessel Platz, der für Menschen reserviert ist, die für ein Lebenswerk geehrt werden. Mit ihm wird auch Vilja Steckel ihre Tätigkeit für den Oratorienchor beenden.
Wir hätten uns und dem Ehepaar Steckel gewünscht, dass nicht nur das Frühjahrskonzert, sondern auch die Aufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ hätten stattfinden können. Das hätte den Rahmen für eine Würdigung abgegeben, der für ein Jahrzehnte langes Engagement angemessen gewesen wäre. Doch das war nicht möglich. Aufgehoben ist aber nicht aufgeschoben. Wir werden das nachholen.
Von Joseph Haydn, dem Komponisten des Werkes, das wir so gerne aufgeführt hätten, schreibt sein Biograph und Freund Giuseppe Carpani – und diese Anekdote erinnert uns an Helfried Steckel: „Haydn hatte eine Symphonie aufgelegt, die mit einem kurzen Adagio anfing. Drei gleichtönende Noten eröffneten den Gesang. Da aber das Orchester die drei Noten zu nachdrücklich anschlug, so unterbrach Haydn mit Winken und «St! St!». Das Orchester schwieg, und der Konzertveranstalter musste Haydns Meinung verdolmetschen. Darauf wurden die drei Noten wieder, aber mit nicht glücklicherem Erfolge angestrichen. Haydn unterbrach abermals mit «St! St!». Während der erfolgten Stille äußerte ein deutscher Violoncello-Spieler ganz nahe bei Haydn seine Meinung gegen seinen Nachbarn und sagte deutscher Sprache: «Du, dem sind schon die drei ersten Noten nicht recht, wie wird es mit den übrigen aussehen?» Haydn sagte mit der größten Höflichkeit, als ob er um eine Gefälligkeit ersuche, ob seine Musiker ihm erlauben würden, seine Meinung auf einem Instrumente vortragen zu dürfen. Er nahm darauf eine Violine und machte sich durch den wiederholten Anstrich der drei Töne so verständlich, dass das Orchester ihn vollkommen begriff. … Dabei ließ es Haydn in der Folge noch nicht bewenden. Er bat mit aufgehobenen Händen, nannte bald diesen, bald jenen «mein Schatz» oder «mein Engel», erteilte Lob und verwebte den Tadel, wenn er nötig war, auf die feinste Art in ein Lob. Ein solches Betragen gewann ihm die Zuneigung aller Virtuosen, mit welchen er in Verbindung kam.

Als Ausdruck der Zuneigung zu seinem Dirigenten spendeten die Sängerinnen und Sänger des Oratorienchors dem scheidenden Chorleiter lang anhaltenden Applaus. Helfried und Vilja Steckel dankten dem Oratorienchor für die langen Jahre des gemeinsamen Musizierens. Sie wollen dem Oratorienchor sowohl als Mitglieder, aber auch als Sängerin und Sänger verbunden blieben. Insofern war der Abend eine Zäsur, aber kein Abschied.

Das letzte Wort schließlich blieb Vilja Steckel vorbehalten: „Die Pandemie zwingt den Chor zu einer Pause. Aber wenn wir wieder beginnen dürfen, dann kommen Sie bitte wieder! Das ist uns das Wichtigste.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.


2 Gedanken zu “Lebenswerk

  1. Leider konnte ich nicht dabei sein, war auf dem Weg nach Südfrankreich und warte nun auf mein hoffentlich negatives Testergebnis. Michael

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