„Dada-da-daaaa!“ Das berühmteste Motiv der Musikgeschichte und die nationalsozialistische „Kultur“-Politik – Unser Beethovenjahr (5/9)

Wer nur wenige Kompositionen klassischer Musik kennt, der hat aber doch die Melodien der Air von Bach, den Beginn von Mozarts 40. Sinfonie und das Da-da-da-daaaa! von Beethovens Fünfter auf den Lippen.

Dass sie den Namen Schicksalssinfonie erhalten hat, geht auf eine Überlieferung zurück, die wahrscheinlich keinen historischen Wahrheitsgehalt hat. Sie ist es nicht wert, hier erzählt zu werden. Denn Beethovens Fünfte hatte es nie nötig, durch Marketing ein bestimmtes Image verpasst zu bekommen.

Gute und böse Menschen liebten und lieben Beethoven zu allen Zeiten. Deshalb kann der Komponist auch nichts dafür, dass die Nationalsozialisten seine Sinfonien besonders schätzten. Vier der fünf am häufigsten aufgeführten sinfonischen Werke in den Jahren 1941 bis 1943 (wenn man die Spielpläne der Häuser als Maßstab nehmen darf) waren Beethovenwerke. Die nationalsozialistische Kulturpolitik (wenn sie denn diesen Namen überhaupt verdient hat) sah in Beethovens Musik die musikalische Verkörperung des deutschen Heldentums. Die 5. Sinfonie war wohl deshalb doppelt so häufig angesetzt wie in den Jahren zuvor. Pech nur, dass diese Rechnung ohne den Komponisten gemacht worden war. Denn Beethovens Fünfte war und ist keine Hommage an den deutschen Nationalismus, sondern eher eine musikalische Verarbeitung von Motiven der Französischen Revolution. Und mit der wollten die Nazis ja nichts zu tun haben.

Die OCPS-Höraufgabe dieser Woche
Es spräche vieles für eine Höraufgabe zum berühmten Beginn des ersten Satzes. Aber die ersten vier Töne der Sinfonie spielen bei der OCPS-Höraufgabe keine Rolle, obwohl dieser auftaktige Beginn revolutionär ist: Eine Fermate bereits im 2. Takt einer Sinfonie! Ein Unisono-Motiv, das zunächst die Tonart offen lässt: Ist es c-Moll? Ist es Es-Dur?
Es geht heute um das Fugato im dritten Satz, dem Scherzo, das das übliche Trio an dieser Stelle ersetzt. Die Celli beginnen, die Violinen beteiligen sich, dann wirken auch die Bläser mit. Die Aufgabe lautet: Geben Sie der Sinfonie einen Namen, der zu diesem dritten Satz passt! Alles ist erlaubt – außer „Schicksalssinfonie„!

Aus einer Aufnahme mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen
unter der Leitung von Paavo Jarvi

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
In einem kurzen Schreiben von 4. März 1809 an seinem Verleger in Leipzig kündigt Beethoven kleine Korrekturen seiner Sinfonien fünf und sechs an. Er habe sie ja noch nicht gehört gehabt, als er sie zur Veröffentlichung versendet habe. Außerdem fragt er, ob der Verlag Interesse an einer Bearbeitung für zwei Klaviere habe. Die Metaphern, die er in diesem Schreiben verwendet, sprechen dafür, dass er – zumindest in dieser Zeit – nicht von Selbstzweifeln geplagt war

Sie erhalten Morgen eine Anzeige von kleinen Verbesserungen, welche ich während der Aufführung der Sinfonien machte. Als ich sie ihnen gab, hatte ich noch keine davon gehört – und man muss nicht so göttlich sein wollen, etwas hier oder da in seinen Schöpfungen zu verbessern. Hr. Stein [möglicherweise Friedrich Stein, ein Pianist] trägt Ihnen an, die Sinfonien zu 2 Klavier zu übersetzen. Schreiben sie mir, ob sie das wollen … und honorieren wollen? Ich empfehle mich Ihnen bestens und bin in Eile
Ihr ergebenster Freund LvBthwn (Quelle)

Beethoven 5 mal anders

Schon Beethoven hielt das für möglich: eine Bearbeitung seiner Sinfonie für Klavier zu vier Händen, hier inszeniert vom Scott Brothers Duo (2012)
Das Allegro con brio, bearbeitet und auf der Orgel vorgetragen von Thomas Heywood auf der Grand Concert Orgel in der Melboune Town Hall: sehr empfehlenswert!
Beethoven als Rockmusik. Bearbeitungen dieser Art haben eine lange Tradition: Enjoy!
Beethoven Moves: Ein Projekt, an dem ehemalige Kindersoldaten und Straßenkinder aus Kolumbien gemeinsam mit dem Beethoven Orchester und Jugendlichen aus Bonn und Umgebung Erfahrungen zu Gewalt, Ausgrenzung und Freiheit interpretieren.
Beethovens Fünfte als Fußballreportage: ein toller Spaß

Literatur:
Eleonore Büning, Sprechen wir über Beethoven. Ein Musikverführer, Salzburg und München 2018
Clemency Burton-Hill, Ein Jahr voller Wunder. Klassische Musik für jeden Tag, Zürich 2019
Michael Ladenburger, Beethoven zum Vergnügen. Ditzingen 2020

Weitere Lesetipps:
Die Wahrheit über die „Schicksalssinfonie“ https://www.dw.com/de/beethovens-f%C3%BCnfte-die-wahrheit-%C3%BCber-die-schicksalssinfonie/a-45386830
Eine Bachelor-Arbeit von Moritz Hoffmann über die Beethoven-Rezeption in der Zeit des Nationalsozialismus: https://www.moritz-hoffmann.de/wp-content/uploads/2015/10/moritz_hoffmann-beethoven_im_dritten_reich.pdf

Unser Beethovenjahr auf www.oratorienchor-ps.de

18.06.2020: Die Sinfonie, die mit einem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste – eine charmante Provokateurin – Unser Beethovenjahr (1/9)

25.06.2020: „Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte.“ Beethoven Zweite – Unser Beethovenjahr (2/9)

02.07.2020: Die „Sinfonia grande“, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica – Unser Beethovenjahr (3/9)

09.07.2020: War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das höllische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter – Unser Beethovenjahr (4/9)

23.07.2020: „Da – da – da – daaaa!“ Das vielleicht bekannteste Motiv der Musikgeschichte und die „Kultur“-Politik der Nationalsozialisten: Beethovens Fünfte – Unser Beethovenjahr (5/9)

30.07.2020: „Noch zehn Minuten, dann sind wir fertig.“ Joseph Stielers Beethoven-Portrait aus dem Jahr 1820 wirkt bis heute nach.

06.08.2020: Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter galten solche Regeln nicht. Beethovens Sechste, die Pastorale – Unser Beethovenjahr (6/9)

20.08.2020: The King’s Speech und die Sprechhemmungen des Königs: Beethovens Siebte – Unser Beethovenjahr (7/9)

11.09.2020: Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen: Beethovens Achte Unser Beethovenjahr (8/9)

01.10.2020: Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau bei Takt 697 der Ode an die Freude: Beethovens Neunte – Unser Beethovenjahr 9/9)


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