Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte. Beethovens Zweite – Unser Beethovenjahr (2/9)

„So ein langes, vielstimmig lautes und opernhaft dramatisiertes Instrumentalstück hatte das Publikum noch nicht gehört.“ (Büning S. 67). Die Allgemeine Musikalische Zeitung („für die elegante Welt“) konnte sich mit diesem neuen Werk allerdings nicht anfreunden. Diese Sinfonie erinnere an ein crasses Ungeheuer, einen angestochenen Lindwurm, der nicht ersterben wolle und, selbst verblutend, im Finale noch mit dem aufgereckten Schweife vergeblich wüthend um sich schlage, so der Wiener Korrespondent der Zeitung (zitiert nach Büning S. 67).

Das Werk, das das Publikum erschreckte, gilt heute zu Unrecht als graue Maus. Sie löst – wenn sie denn überhaupt einmal erklingt – kaum dramatische Empfindungen aus. Aber haben wir Verständnis für Zeitgenossen Beethovens! Das Wiener Publikum kannte ja noch nicht den „Lindwurm“ 3. Sinfonie, die fast 60 Minuten dauert, noch nicht die (fälschlich) so genannte Schicksalssinfonie, die schön eher wüthend um sich schlägt, und schon gar nicht die 9. Sinfonie mit dem Schlusschor, die tatsächlich nicht sterben sollte. So ändern sich in 200 Jahren die Hörgewohnheiten!

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Die OCPS- Höraufgabe …
… findet sich heute im 2. Satz, dem Larghetto. Die Bläser wiederholen das 1. Thema des Larghetto, das die Streicher zu Beginn des Satzes vorgetragen haben. Die Flöte wirft lockere Dreiklänge ein. Welche Worte beschreiben diese himmlische Leichtigkeit am besten?

Kammerorchester Basel unter der Leitung von Giovanni Antonini
am 04.06.2016 im Stadtcasino Basel.

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
… in diesem Fall: schreiben lässt.
Beethovens jüngerer Bruder Kaspar Karl kümmerte sich – bevor sich später das Verhältnis verschlechterte – einige Jahre lang um die Geschäfte seines Bruders, der in Wien lebte und dort Erfolg hatte. Kaspar Karl hatte dem Leipziger Verlag drei Werke angeboten, darunter seine 2. Sinfonie. Doch der Verleger wollte statt der geforderten 600 nur 500 Gulden zahlen und hatte an einer der drei Kompositionen gar keine Interesse. Doch für den Kaufmann galt hier: Alle drei oder keines. So ließ er den Verlag am 26. März 1803 wissen, dass er die fraglichen Werke nun an das Kunst- und Industrie-Comptoir in Wien verkauft hatte. Kaspar Karl lag aber krankheitsbedingt im Bett und diktierte das Schreiben seinem Bruder Johann, dem jüngsten der Beethovenbrüder. Zwischen den Zeilen ist eine Spur verletzten Stolzes der Gebrüder Beethoven zu finden:
Nachdem ich Ihnen den äusserst mittelmäßigen Preis von 600 Gulden angesetzt habe und Ihnen dennoch diese Werke zu teuer waren …, so habe ich hieraus geschlossen, dass Sie … an Werken dieser Art überhäuft sein würden. … So habe ich daher diese 2 Werke einem ihrer H[erren] Kollegen um 700 Gulden überlassen.

Literatur
Eleonore Büning, Sprechen wir über Beethoven. Ein Musikverführer, Salzburg und München 2018
Michael Ladenburger, Beethoven zum Vergnügen. Ditzingen 2020

Unser Beethovenjahr auf www.oratorienchor-ps.de

18.06.2020: Die Sinfonie, die mit einem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste – eine charmante Provokateurin – Unser Beethovenjahr (1/9)

25.06.2020: „Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte.“ Beethoven Zweite – Unser Beethovenjahr (2/9)

02.07.2020: Die „Sinfonia grande“, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica – Unser Beethovenjahr (3/9)

09.07.2020: War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter – Unser Beethovenjahr (4/9)

23.07.2020:
„Da – da – da – daaaa!“ Das vielleicht bekannteste Motiv der Musikgeschichte erklang im Jahre 1808 zum ersten Mal: Beethovens Fünfte – Unser Beethovenjahr (5/9)

30.07.2020: „Noch zehn Minuten, dann sind wir fertig.“ Wie Joseph Stielers Beethoven-Portrait bis heute nachwirkt.

06.08.2020: Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter galten solche Regeln nicht. Beethovens Sechste, die Pastorale – Unser Beethovenjahr (6/9)

23.08.2020: The King’s Speech und die Sprechhemmungen des Königs: Beethovens Siebte – Unser Beethovenjahr (7/9)

10.09.2020: Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen: Beethovens Achte – Unser Beethovenjahr (8/9)

01.10.2020: Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau bei Takt 697 der Ode an die Freude: Beethovens Neunte – Unser Beethovenjahr 9/9)


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