Löwengebrüll, Mückenschwirren und Pastoraloboen – Teil 6 einer Serie über Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“

Haydns kompositorische Raffinesse

Johann Carl Rossler, Joseph Haydn

Joseph Haydns Schöpfung thematisiert Gigantisches: die Entstehung der Welt. Dennoch ist die Handlung schnell erzählt. Zunächst wird das Licht geschaffen, das Dunkelheit und Chaos überstrahlt. Dann entstehen Firmament, Pflanzen, Gestirne sowie Tag und Nacht. Später gesellen sich Fische, Vögel, Würmer und Säugetiere hinzu. Und schließlich wird der Mensch geschaffen, da er offenbar als einziger in der Lage ist, Gott angemessen zu preisen.

Gott ist ganz im Sinne der Aufklärung der Weltbaumeister. Er schafft ein Paradies, in dem der Mensch König sein darf. Die Vogelstimmen dürfen ihn erfreuen, die Kräuter können seine Krankheiten heilen, die tierische Natur ist vor allem für ihn da. Der Mensch ist beauftragt, sie sich untertan zu machen und sich seinerseits Gott unterzuordnen. Denn der hat in souveräner Weise die Welt ins Sein gerufen. In der Liebe zwischen Frau und Mann kommt Gottes Schöpfungswerk zu ihrem Höhepunkt. Doch bis dahin ist es ein langer Weg:

Der erste Tag
Was war, bevor etwas war? Die biblische Schöpfungserzählung beantwortet diese Frage mit einem Bild. Über dem Urwasser war das Tohu wa Bohu, das Wüste und Leere. Aber der Geist Gottes schwebte schon über dem Chaos. In dieses Quasi-Nichts bringt Gott Licht, Ordnung und Schönheit.

Emma Kirby, Sopran; Anthony Rolfe Johnson, Tenor; Michael George, bass-Bariton
Academy of Ancient Music, Ltg.: Christopher Hogwood

Das Oratorium beginnt mit einer orchestralen Beschreibung des Nichts. Sicher hätte Beethoven zu provokanteren musikalischen Mitteln gegriffen. Aber Haydns Komposition ist genial. In c-Moll geschrieben, stellt die Einleitung der Schöpfung ihre eigene Tonart immer wieder selbst in Frage. Sie verzichtet auf eine wirkliche Melodie und enthält absichtliche Dissonanzen. Bedrohlich wirkt das Chaos nicht, es erinnert vielmehr ein wenig es an das normale Leben, das Störungen, Begrenzungen und Molltöne kennt. Hohe Holzbläsertöne deuten zwar bereits an, dass über dem amorphen Nichts etwas Gestaltetes und Gestaltendes sein könnte. Doch noch setzt sich dieses Lebendige nicht durch. In einem c-Moll-Pianissimo endet die ungewöhnliche Ouvertüre.

Dann erklingt zum ersten Mal die Bassstimme des Raphael: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Noch immer sehr leise und getragen, aber nun schon in schöne Harmonien gesetzt und deutlich nach oben sich bewegend, setzt der Chor ein. Das Orchester spielt dazu langsam bewegte Achtel. Chor und Streicher in Moll-Harmonien wechseln sich mit Generalpausen ab. Noch immer kaum Bewegung. Doch dann die Sensation: Nach einem sehr stillen „Es werde …“ explodiert die Bühne. Ein strahlendes C-Dur des Chors mit vollem Orchester und 49 Paukenschlägen begleitet ein einziges Wort: „LICHT!“. Diesen Moment, den Haydn sorgfältig geheim gehalten hatte, sorgte bei der Premiere für eine Sensation. Das Publikum war elektrisiert, die Freude an der gelungenen Überraschung muss dem Komponisten, der die Aufführung vom Tasteninstrument aus leitete, anzusehen gewesen sein.

Der Anfang der Schöpfung ist nun gemacht. Mit bewegtem A-Dur singt Gabriel unterstützt vom Chor das erste Lob des Schöpfers. Das Böse, allein hier wird es einmal erwähnt, stürzt in Tiefe. Das erste Werk ist vollbracht.

Emma Kirby, Sopran; Anthony Rolfe Johnson, Tenor; Michael George, bass-Bariton
Academy of Ancient Music, Ltg.: Christopher Hogwood

Der zweite Tag
Die musikalischen Naturschilderungen in „Und Gott machte das Firmament.“ müssen dem Meister beim Komponieren ungeheuer Vergnügen bereitet haben. Nacheinander sind Stürme, fliegende Wolken, Blitz und Donner, tropfender Regen und Wolkenbrüche zu hören. Dabei geht die musikalische Darstellung jeweils dem gesungenen Wort voraus. Besonders lieblich: Am Schluss des Rezitativs lässt Haydn Schneeflocken fallen.

Mit Staunen sieht das Wunderwerk (Arie Gabriel)

Und auch am Ende des zweiten Tages wird das Lob auf den Schöpfer angestimmt, diesmal von Gabriel. In seine Sopranarie stimmt der Chor ein.

Der dritte Tag
Das Firmament wird geschaffen, damit sich das Wasser an einer Stelle sammeln und die Erde nicht mehr überfluten kann. Es ist nicht schwer, in der instrumentalen Begleitung der Arie des Raphael die „schäumenden Wolken“ des Meeres, das Emporwachsen der Berge, den „breiten Strom“ und den „hellen Bach“ im „stillen Tal“ zu entdecken. Noch am gleichen Tag wird die Erde grün. Gabriel besingt beschaulich den Erdenfrühling, in dem Blumen blühen, Kräuter duften und überall Leben entsteht.

Nun beut die Flur das frische Grün (Arie Gabriel)

Auch dieser Tag endet mit einem Dank an den Schöpfer, den der Chor, aufgefordert von Uriel, anstimmt. Ein fugierter Chorsatz beendet den dritten Tag.

Der vierte Tag
Nun steigt die Sonne auf. Es folgt ein instrumentaler Sonnenaufgang, bei dem die Streicher nacheinander einsetzen und eine aufwärts führende Melodie vortragen. Auch der Mond „schleicht“ durch die Nacht, die goldenen Sterne zieren den Nachthimmel.

Emma Kirby, Sopran; Anthony Rolfe Johnson, Tenor; Michael George, bass-Bariton
Academy of Ancient Music, Ltg.: Christopher Hogwood

Dann aber ist es Zeit für den Schlusschor des ersten Teils, in den auch die drei Erzengel miteinstimmen: „Die Himmel erzählen die Erde Gottes.“

Zweiter Teil

Der fünfte Tag
Die musikalische Malerei der Tiere in der Arie des Gabriel „Auf starkem Fittiche“ enthält mit die schönsten musikalischen Ideen des Oratoriums. Vogelstimmen, Insektenschwärme und Gewürm sind unschwer zu vernehmen. Der Text der Arie idealisiert die Tiere allerdings ganz nach dem Geschmack der Zeit. Der Adler schwingt sich auf zur Sonne, die Lerche ist froh, die Taube zart, und die Nachtigall singt reizende Lieder, sie kennt keine Klage. Die drei Erzengel beenden mit einem Terzett den fünften Tag. Gabriel beschreibt dabei die Schönheit der Landschaft, Uriel besingt die Tiere der Lüfte und Raphael schließt mit der Vielfalt des Lebens im Wasser. Da bleibt dem Chor nur noch, den göttlichen Architekten zu preisen.

Der sechste Tag
Nun nähert sich die Schöpfung ihrem Höhepunkt: Ein Paradies der Tiere wird gezeichnet. Löwe, Tiger und Hirsch sind einander in Frieden zugetan. Die Komposition erinnert an moderne Filmmusik: Um das Brüllen des Löwen zu beschreiben, setzt Haydn das Kontrafagott und Posaunen ein. Dann begleitet der Hörer den beweglichen Tiger auf seinem Spurt, aber der Hirsch erhebt dennoch sein Haupt und das „edle Ross“ strahlt Mut und Kraft aus. Nachdem auch andere Landtiere – besonders vergnüglich zu hören ist das blökende Schaf – besungen sind, ist es Zeit, der Schöpfung die Krone aufzusetzen.

Emma Kirby, Sopran; Anthony Rolfe Johnson, Tenor; Michael George, bass-Bariton
Academy of Ancient Music, Ltg.: Christopher Hogwood

Der Mensch – als Frau und Mann zugleich erschaffen – steht als Ebenbild Gottes in der Welt und den Tieren gegenüber. Sie sind mit Anmut, Würde und mit der Fähigkeit zu fühlen ausgestattet. Dass der Mensch seine Bestimmung auch verfehlen kann, ist in dieser Schilderung eines paradiesischen Urzustands der Welt nicht im Blick. Das Oratorium will nicht das Leben beschreiben, sondern die Idee des Vollkommenen. Welt, Natur und Menschsein der Schöpfung sind der platonischen Welt der Ideen entsprungen, die die Aufklärung neu entdeckt zu haben glaubte.

Im Gewand eines idealistischen Menschenbilds transportiert die Arie des Uriel „Mit Würd‘ und Hoheit angetan“ allerdings für heutige Ohren unerträgliche Rollenbilder. Während der Mann aufrecht, selbstbewusst und mit erhobenem Haupt der Welt gegenübertritt, ist die Frau ausschließlich auf ihn bezogen, lächelt ihn reizend an und strahlt eine ungetrübte Unschuld aus:

Mit Würd‘ und Hoheit angetan,  
Mit Schönheit, Stärk‘ und Mut begabt,    
Gen Himmel aufgerichtet steht der Mensch,        
Ein Mann und König der Natur.  
Die breit gewölbt‘ erhabne Stirn 
Verkünd’t der Weisheit tiefen Sinn,         
Und aus dem hellen Blicke strahlt
Der Geist, des Schöpfers Hauch und Ebenbild.      
An seinen Busen schmieget sich 
Für ihn, aus ihm geformt,
Die Gattin, hold und anmutsvoll.
In froher Unschuld lächelt sie,    
Des Frühlings reizend Bild,         
Ihm Liebe, Glück und Wonne zu.

Für diese Arie des Uriel mag das Oratorium einstmals viel Lob bekommen haben. Heute würde der Erzengel von genderbewussten Konzertbesucherinnen ausgepfiffen oder aus dem Saal vertrieben werden. Die Genialität, mit der Haydn diesen Text in Musik umgesetzt hat, und die allgemeine Friedfertigkeit des Konzertpublikums haben das bisher wohl verhindert. Die Erzengel und der Chor beenden den zweiten Teil des Oratoriums – ähnlich wie Händel am Ende des zweiten Teils seines Messias – mit einem gesungenen Halleluja, ein Hörvergnügen auch für die, die van Swieten die vorangegangene Arie nicht verzeihen können.

Dritter Teil

Im zweiten Teil hatten Adam und Eva noch schweigend den Erzengeln gelauscht. Nun singen sie selbst. Und wie schön sie das tun! Beide besingen ihre Liebe. Nachdem Uriel die Rolle der Frau bereits definiert hatte, erstaunt es nun nicht mehr, dass sie sich ihrem Mann unterordnet und das gern und mit Dankbarkeit tut. Der Mann aber will nicht herrschen, nur führen, denn er liebt seine Frau.

„Wonne, Freude und Seligkeit“, mit Worten des Glücks knausert der Librettist nicht. Die Arie „Von deiner Güt‘, o Herr und Gott“ gehört zu den schönsten des ganzen Oratoriums. In langsamem Tempo besingt das Paar seine Liebe und ihren Dank gegen Gott. Der Chor darf sie leise dabei unterstützen, doch er hält sich im Hintergrund, um die Zweisamkeit nicht zu stören. Gegen Ende erklingt das lyrische Liebesbekenntnis, das mit einem „Ohne dich ist alles nichts“ sehr unvollkommen zusammenfasst wäre:

Adam und Eva: Doch ohne dich, was wäre mir –  
Adam: der Morgentau, 
Eva: der Abendhauch,   
Adam: der Früchte Saft,
Eva: der Blumen Duft.   
Eva und Adam: Mit dir erhöht sich jede Freude. / Mit dir genieß ich doppelt sie. / Mit dir ist Seligkeit das Leben. / Dir sei es ganz geweiht.

Elsa Dreisig, Sopran; Florian Boesch, Baritone, Berliner Philharmoniker, Ltg.: Simon Rattle
Lucerne Festival 30.08.2017

Diese zarte Verbundenheit der beiden Menschen liefert neben der Erhabenheit der Lobpreisungen und der Volkstümlichkeit der Naturschilderungen den dritten Grund für den seit über 200 Jahren andauernden Erfolg der Schöpfung: Die anrührende Innigkeit der besungenen Liebe.

Das Oratorium endet mit einer mahnenden Arie des Uriel und einem wunderbaren Finale, bei dem Instrumente, Gesangssolisten und Chor zusammenwirken. Eine Altistin ergänzt nun das Trio aus Sopran, Tenor und Bass. Nun ist wirklich alles perfekt.

di me – von mir: Giuseppe Haydn

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11.06.2020: Löwengebrüll, Mückenschwirren und Pastoral-Oboen – Haydns kompositorische Raffinesse.

Literatur und Links
Klaus Christa, „Denn das Leben ist eine zu köstliche Sache“, Verlag Bucher, 2013
Libretto: www.stanfort.edu
Walter Eigenmann: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“: glarean-magazin.ch
Ilona Haberkamp, Kirstin Pönnighaus, Maria Schors: Joseph Haydn, Die Schöpfung: uni-muenster.de
Gisela Auchter, Hans-Joachim Knopf: Joseph Haydn, Die Schöpfung: sinfonischer-chor-konstanz.de
Wolfgang Gersthofer: Joseph Haydn, Die Schöpfung: carusmedia.com
Gundolf Barenthin, Joseph Haydn, Die Schöpfung: karl-forster-chor.de.
Nikolaus Scholz: „Meine Sprache versteht die ganze Welt“: www.deutschlandfunk.de
James M. Keller: Haydn, Creation, Notes on the Program, New York Philharmonic: nyphil.org
Wikipedia, Die Schöpfung: wikipedia.org
Jochen Kaiser: Die Schöpfung von Joseph Haydn: vkjk.de
WDR Meisterstücke (18.11.2018): WDR Mediathek
WDR Zeitzeichen (29.04.2013): WDR Mediathek


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