20. Mai 2017: „Ach, Galatea, weine nicht!“ Wer erinnert sich?

Vor drei Jahren führte der Oratorienchor Georg Friedrich Händels weltliches Oratorium Acis und Galatea in der Klosterkirche Hornbach auf. Aufführende wie Zuhörer wurden an diesem Tag in die Welt der antiken Mythen entführt. Folgen wir noch einmal den Spuren des ungleichen Paares, dem jungen Hirten Acis und der Nymphe Galatea. Reisen wir mit dem Liebespaar nach Sizilien, genauer: an den Osthang des Vulkans Ätna.

Thomas Cole, Der Berg Ätna von Taormina aus gesehen (1842)

Dort, wenige Kilometer nördlich von Catania spielt ein antiker Mythos, der in den Metamorphosen des Ovid erzählt wird, der aber auf eine viel ältere Tradition zurückblicken kann. Galatea ist eine weibliche Naturgottheit, die in einer Höhle wohnt und dort tanzt, mit Bäumen und Blumen redet und auf verschiedene Weise den Menschen hilfreich ist. In dieses sympathische Wesen hat sich Acis verliebt. Aber kann die Liebe zwischen einem menschlichen Hirten und einer Unsterblichen Bestand haben? Damon, ein weiterer Hirtenjunge, befürchtet Unheil und warnt Acis, die Grenzen zu überschreiten, die ihm als Sterblichem gesetzt sind. Zu allem Unglück hat sich auch Polyphem, ein riesiges einäugiges Ungeheuer, ebenfalls in Galatea verliebt. Diese weist sein zudringliches Werben allerdings zurück. Verschmähte Liebe, Eifersucht und der Versuch eines sterblichen Wesens, das Unmögliche möglich zu machen – kann das gutgehen?

Die beiden Protagonisten des Mythos empfinden innige Liebe zueinander. Zugleich sind sie aber auch lyrische Metaphern für die beseelte Natur (Galatea), die von einem Fluss (Acis) durchzogen wird. Dieses Idyll wird von Polyphem, einer Personifizierung des Vulkans Ätna, bedroht, dessen überirdischer Gewalt weder Mensch noch Natur etwas entgegenzusetzen haben. Polyphem steht stellvertretend für die Bedrohung allen Glücks durch das übermächtige und blinde Schicksal. Diesem dramatischen Stoff gab Georg Friedrich Händel im Jahr 1718 das Gewand eines Oratoriums. Er nannte das Werk eine Pastorale.

G. F. Händel, Acis und Galatea – mit Benedikt Kristjánsson, Patricia Janečková, Patrick Grahl, Tomas Král und dem Kollegium Marianum unter der Leitung von Jana Semerádová

Erster Akt

Der Ätna, von Acireale aus gesehen

Das sommerliche Idyll erscheint zunächst ungetrübt. In der damals noch naturbelassenen Gegend um die heutige Stadt Acireale hütet Acis seine Schafe. Die Nymphe Galatea wartet auf ihren Geliebten, der sie zunächst vergeblich sucht und nach ihr ruft. Schließlich finden sich die Liebenden und sind glücklich. Doch Damon, ein weiterer Schäferjunge, warnt bereits: „Schäfer, lass dein Liebeswerben. Blindlings rennst du ins Verderben.“

G. F. Händel, Acis und Galatea – mit Benedikt Kristjánsson, Patricia Janečková, Patrick Grahl, Tomas Král und dem Kollegium Marianum unter der Leitung von Jana Semerádová

Zweiter Akt

Unversehens stört der einäugige Riese Polyphem, von wilder Leidenschaft für Galatea entbrannt, das Idyll. Liebestrunken umwirbt er sie, wird aber zurückgewiesen. Da versucht das Ungeheuer, sie mit Gewalt zu erobern. Vergeblich versucht der Hirtenknabe Damon, ihn davon abzubringen: Liebe kann sich doch nicht mit Gewalt durchsetzen. Aber auch Acis, durch den Riesen gereizt und verletzt, verliert den Blick für das Machbare. Er fordert Polyphem zum Kampf: „Des Scheusals Gier weckt meine Wut, schwach wie ich bin – ich fasse Mut. Entflammt von deiner Schönheit Zier wag ich den Kampf aus Lieb zu dir.“

G. F. Händel, Acis und Galatea – mit Benedikt Kristjánsson, Patricia Janečková, Patrick Grahl, Tomas Král und dem Kollegium Marianum unter der Leitung von Jana Semerádová

Dritter Akt

François Perrier: Acis und Galatea verbergen sich vor Polyphemus (1645–1650)

Vergeblich fleht Galatea ihren Geliebten an, nicht gegen das Ungeheuer zu kämpfen: Ihr als Nymphe göttlichen Ursprungs stehen doch ganz andere Kräfte zur Verfügung! Acis hört nicht auf sie. Es kommt zum ungleichen Kampf. Der Zyklop erschlägt Acis mit einem Felsen.
Nun herrscht tiefe Trauer in der Natur: „Trauert, ihr Musen, stimmt Hirten ein, lasst eure Flöten klingen drein, klagt, weint, und Jammer schalle weit umher, ach, der holde Acis ist nicht mehr!“
Auf den tröstenden Zuspruch des Chores hin schließlich verwandelt Galatea ihren toten Geliebten in eine Quelle, in der Acis weiterlebt. Der Fluss Aci entspringt – und fließt bis heute bei Acireale ins Meer.

G. F. Händel, Acis und Galatea – mit Benedikt Kristjánsson, Patricia Janečková, Patrick Grahl, Tomas Král und dem Kollegium Marianum unter der Leitung von Jana Semerádová

Polyphem, der einäugige Reise, ist uns übrigens aus einer anderen berühmten antiken Erzählung bekannt. Der aus Troja zurückkehrende Odysseus war ebenfalls bei dem Riesen eingekehrt. Nicht ganz freiwillig musste er bei ihm bleiben, der Zyklop hatte ihn und seine Gefährten in eine Höhle eingeschlossen. Mit einer List aber gelang ihnen die Flucht. Sie gelangten zu ihrem Schiff, das an der Küste vor Anker lag und stachen in See. Aus sicherer Entfernung und lauthals verspotteten die Entkommenen den Riesen. Dieser entdeckte die Täuschung und griff zu der Waffe, die auch schon Acis das Leben gekostet hatte. Zornig bewarf er die Männer mit großen Felsen. Er verfehlte das Schiff, aber die seltsam geformten steinernen vulkanischen Basaltinseln im Jonischen Meer von der Küste Siziliens werden bis heute Zyklopeninseln genannt.

Zyklopeninseln
Von gnuckx – Islands of the Cyclops at Dawn Sicily Italy – Creative Commons by gnuckx, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18121634

Doch damit sind wir endgültig im heutigen Sizilien angekommen. Was gibt es noch zu entdecken?

Acis, Galatea und Sizilien: Kunst, Musik und Erinnerungen in Zeiten von Corona
20.05.2020: Acis und Galatea am 20. Mai 2017 – Wer erinnert sich?
28.05.2020: Als aus dem uralten Tempel in Syrakus eine christliche Kirche werden sollte
04.06.2020: Lateinisch-byzantinisch-arabische Symbiose: Die Verschmelzung dreier sakraler Kunstrichtungen lässt in Palermo eines der schönsten Gotteshäuser der Welt entstehen.

20.05.2017: G. F. Händel, Acis und Galatea, Eine Pastorale für Soli, Chor und Orchester, Ein Sommerkonzert des Oratorienchors Pirmasens in der Klosterkirche Hornbach

Mitwirkende
Damon: Laura Demjan, Sopran
Galatea: Angela Lösch, Mezzosopran
Acis: Thomas Dorn, Tenor
Polyphemus: Jonathan Hartzendorf, Bass

Anke Grutschus: Blockflöte
Gabriel Insuasty und Olaf Gramlich: Oboe
Pia Grutschus und Sibille Klepper: Violine
Valentin Steckel: Viola
Christoph Eberle: Violoncello
Alexis Scharff: Kontrabass
Stephan Rahn: Cembalo

Oratorienchor Pirmasens

Leitung: Helfried Steckel


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