Drei Erzengel und die Aufklärung – Teil 4 einer Serie über Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“

Zum Menschen- und Weltbild des Oratoriums

Jan Václav Peter, Adam und Eva im Paradies (zwischen 1800 und 1829)

Schon den Zeitgenossen war aufgefallen, dass in Haydns Werk der Mensch nicht aus dem Paradies vertrieben wird. So kritisierte das Prager Erzbischöfliche Konsistorium, dass Haydns Werk – anders als Händels Messias – der kirchlichen Dogmatik nicht folge. Der Sündenfall, die Erbsünde und die Erlösungstat Christi würden nicht thematisert.

Was zunächst als Kritik einer Inquisitionsbehörde ohne Macht aussieht, ist auf den zweiten Blick durchaus ein ernstzunehmender Einwand. Sind Adam und Eva nicht wie Kinder, die sich keinen Herausforderungen des menschlichen Lebens stellen müssen? Keine Arbeit, keine Armut, keine Krankheit, keine Sorge und kein Tod belasten ihre Existenz. Adam tritt im Sinne eines religiösen Humanismus optimistisch in die Welt, um sie zu gestalten. Mit Würd‘ und Hoheit angetan, mit Schönheit, Stärk‘ und Mut begabt, gen Himmel aufgerichtet steht der Mensch, so singt Uriel. Zusammen mit Eva bildet er ein Paar, das sich ohne Streit, der dem Maestro aus seiner eigenen Ehe durchaus bekannt war, und ohne materielle Sorgen an der Schöpfung dankbar erfreuen darf: Seht das beglückte Paar, wie Hand in Hand es geht! Aus ihren Blicken strahlt des heißen Danks Gefühl. Bald singt im lauten Ton ihr Mund des Schöpfers Dank, unterstreicht der Erzengel wenig später.

Das Libretto, von van Swiepen ganz im Sinne des humanistisch und idealistischen Geistes seiner Zeit „übersetzt“, erinnert deshalb auch weniger an das biblische Menschenbild als vielmehr an das Menschheits- und Naturideal der klassischen Antike. Das ist nicht überraschend, wenn man weiß, dass van Swieten selbst diese liberale Gesinnung zu eigen war. Andererseits aber speist sich der Text der Schöpfung aus drei Quellen, die unverdächtig sind, die Luft der Aufklärung zu atmen.

Mit der Idealisierung des Menschen ist auch die Romantisierung der Natur verbunden. Tier- und Pflanzenwelt leben in paradiesischer Harmonie. Auch die Herrschaft des Menschen über die Natur wird – ganz im Stil ihrer Zeit – idyllisch gesehen. Adam regiert als König der Natur (Uriel).

Es sind dies vor allem die beiden Schöpfungserzählungen aus dem 1. Buch Mose, mehrere biblische Schöpfungspsalmen, allen voran Psalm 19 und Psalm 104, und ein Gedicht des englischen Lyrikers John Milton. In dem 1667 veröffentlichten Werk Paradise Lost ist ausführlich von Satan, seiner Rebellion gegen Gott und seinem Höllensturz die Rede. Das Libretto der Schöpfung nimmt Elemente der Ballade auf, entfernt allerdings den Dualismus zwischen Gott und Satan. Für den kämpferischen Michael ist in Haydn Schöpfung kein Platz. Nur noch die drei „friedlichen“ Erzengel Gabriel, Uriel und Raphael dürfen dort auftreten. Ob diese Umdeutung des Epos schon im Ur-Libretto enthalten war oder ob sie auf Baron van Swieten zurückgeht, lässt sich nicht mehr klären. Die Fassung, die Haydn einst im Gepäck hatte, ist verschollen.

War es möglich, die beiden biblischen Quellen und das Milton-Gedicht mit dem Zeitgeist des späten 18. Jahrhunderts zu versöhnen? Nicht alle sahen damals in van Swietens Libretto eine gelungene Synthese. Am berühmtesten ist Friedrich Schillers Verdikt. Er hatte am 1. Januar 1801 – natürlich zusammen mit Goethe – in Weimar das Werk gehört und war „not amused“. Das Libretto sei ein charakterloses Mischmasch, schrieb er kurz darauf wenig charmant. Und auch Karl Friedrich Zelter, der Haydns Arbeit gegenüber den forschen jungen Musikkritikern noch verteidigt hatte, nannte das Textbuch „durchaus sehr mangelhaft.“

Andere äußerten Missfallen an Haydns Tonmalerei. Es sei mit der Würde des Oratoriums nicht vereinbar, Tierstimmen und Naturereignisse musikalisch nachzuahmen. Aber es waren gerade diese Passagen, die dem Werk zu seiner andauernden Popularität verhalfen.

Es wird nicht überliefert, dass Haydn oder van Swieten unter der Kritik Einzelner litten. War der Baron vielleicht mehr Aufklärer als Katholik, so gilt dies für Haydn nicht. Ich war auch nie so fromm, als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete. Täglich fiel ich auf die Knie nieder und bat Gott, dass er mir die Kraft zur glücklichen Ausführung dieses Werkes verleihen möchte, so zitiert ihn sein Biograf Georg August Griesinger. Er hegte keine Zweifel an der Lehre der katholischen Kirche. Für ihn waren die biblische Schöpfungsgeschichte und das optimistische Menschenbild der Aufklärung keine Gegensätze. O glücklich Paar, und glücklich immerfort, wenn falscher Wahn euch nicht verführt, noch mehr zu wünschen als ihr habt. Und mehr zu wissen, als ihr sollt. Die Mahnung des Uriel zur Bescheidenheit warnt davor, über gesellschaftliche oder politische Veränderungen nachzudenken. Mit den Motiven der französischen Revolution, die in Beethovens Musik musikalisch immer verarbeitet werden, hatten weder Haydn noch sein Gönner etwas am Hut.

Lucas Cranach d. Ä., Das Paradies (1530)

Mit dem sechsten Schöpfungstag endet das Oratorium. Nachdem der Mensch geschaffen ist, kann Größeres nicht mehr entstehen. Er ist – stolz und ein wenig selbstverliebt – das vollkommene Geschöpf. Nach biblischem Zeugnis besteht das Schöpfungswerk Gottes aber aus sieben Tagen. Dem Konsistorium war das offenbar nicht aufgefallen. Landtiere und Mensch sind – gemeinsam – am sechsten Tag erschaffen worden, weshalb keines von beidem die Krone der Schöpfung sein kann. Als letztes großes Werk schafft Gott den Sabbat, den Ruhetag.

Wer oder was ist also die Krone der Schöpfung? Nach der Bibel ist es nicht der fleißige, schöne und kluge Mensch, sondern die Abwesenheit von Erwerbsarbeit und Ausbeutung. Der Sabbat – ein Juwel – steht für Muße, Ruhe und vielleicht auch ein wenig für Kunst und Kultur. Insofern ist Haydn Werk als Ganzes dem 7. Schöpfungstag zuzuordnen.

Joseph Haydn, Die Schöpfung: Nikolaus Harnoncourt und der Concentus Musicus, Wien
Eine Aufführung in Graz (Österreich) im Juli 2010

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Literatur und Links
Klaus Christa, „Denn das Leben ist eine zu köstliche Sache“, Verlag Bucher, 2013
Libretto: www.stanfort.edu
Walter Eigenmann: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“: glarean-magazin.ch
Ilona Haberkamp, Kirstin Pönnighaus, Maria Schors: Joseph Haydn, Die Schöpfung: uni-muenster.de
Gisela Auchter, Hans-Joachim Knopf: Joseph Haydn, Die Schöpfung: sinfonischer-chor-konstanz.de
Wolfgang Gersthofer: Joseph Haydn, Die Schöpfung: carusmedia.com
Gundolf Barenthin, Joseph Haydn, Die Schöpfung: karl-forster-chor.de.
Nikolaus Scholz: „Meine Sprache versteht die ganze Welt“: www.deutschlandfunk.de
James M. Keller: Haydn, Creation, Notes on the Program, New York Philharmonic: nyphil.org
Wikipedia, Die Schöpfung: wikipedia.org
Jochen Kaiser: Die Schöpfung von Joseph Haydn: vkjk.de
WDR Meisterstücke (18.11.2018): WDR Mediathek
WDR Zeitzeichen (29.04.2013): WDR Mediathek


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