Wenn Beethoven auf die Knie fällt – Teil 3 einer Serie über Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“

Der berühmteste C-Dur-Akkord der Musikgeschichte und der Siegeszug des Oratoriums

Am 30. April 1798 wird das monumentale Werk in einer Akademie aus der Taufe gehoben. Die Leitung hat der Komponist selbst. Das Bass-Solo singt Ignaz Saal, den Tenorpart übernimmt Matthias Rathmeier. Die erst 21-jährige Christine Gerhardi singt die Sopranpartie. Der Korrespondent des in Weimar erscheinenden Neuen Teutschen Merkur attestiert ihr eine schöne Gestalt, sprechende Züge und vor allem ein feuriges Auge. Aber auch ihre Stimme muss überzeugend gewesen sein, denn Haydn hat sie selbst ausgesucht.

Die zehn Mitglieder der Gesellschaft der Assoziierten zeigen sich großzügig. Das Honorar von 2500 Gulden übersteigt Haydns Jahresgehalt als Kapellmeister bei Fürst Esterházy. Spontan verdreifacht der Gastgeber des Premierenabends, Fürst von Schwarzenberg, bereits am ersten Tag der Probe seinen Anteil und überreicht ihn dem Komponisten unverzüglich und persönlich.

Das Konzert wird ein grandioser Erfolg. Eleonore von Lichtenstein, eine der Geladenen dieses Konzerts, berichtet, die adligen Gäste seien außer sich vor Begeisterung gewesen. Nach jeder Nummer sei geklatscht worden. Geradezu in Hysterie aber verfallen die Zuhörer an der Stelle, die der Komponist sorgfältig geheim gehalten hatte. Die Rede ist vom berühmtesten C-Dur-Akkord der Musikgeschichte. Alle Instrumente und alle Stimmen malen die Explosion des Lichts und gestalten einen musikalischen Big Bang. Das Auditorium kennt keine Zurückhaltung. Das Orchester kann minutenlang nicht weitermachen.

Als die letzten Töne des Oratoriums verklungen sind, sind sich die Musikkenner Wiens einig: Der Abend war der Höhepunkt der Saison, das Werk die Krönung des kompositorischen Schaffens des Maestro, der so viele Jahre abseits der kulturellen Zentren gelebt hat.

August Gerasch, Vor dem alten Burgtheater in Wien (um 1900)

Am 19. März 1799 kommt es im Burgtheater endlich zu dem ersehnten öffentlichen Konzert. Die Sopranpartie übernimmt nun Therese Saal, die erst 17-jährige Tochter des Bassisten. Über 60 Sängerinnen und Sängern musizieren mit 40 Bläsern und 70 Streichern. Freunde der Chormusik kratzen sich angesichts dieser Zahlen am Kopf. War der Chor bei einem Übergewicht der Instrumente noch zu vernehmen? Die in Leipzig erscheinende Allgemeine musikalische Zeitung ist dennoch entzückt. Ihr Kritiker überschlägt sich: Der Zulauf war außerordentlich. … Man kann sich kaum vorstellen, mit welcher Stille und Aufmerksamkeit das ganze Oratorium angehört, bei den auffallendsten Stellen durch leise Aufrufungen nur sanft unterbrochen, und zu Ende jedes Stücks und jeder Abteilung mit enthusiastischem Beifall aufgenommen ward.

Haydn, inzwischen ein erfolgreicher selbstständiger Musikunternehmer in eigener Sache entscheidet sich, die Noten selbst zu verlegen. Der Beifall, schreibt er in einem öffentlichen Subskriptionsaufruf, den mein Oratorium … allhier zu erhalten das Glück hatte, und der … geäußerte Wunsch, dass dessen Bekanntmachung nicht, wie bisher zu oft …, den Ausländern überlassen sein möge, haben mich bewogen, diese selbst zu veranstalten. Über 400 Abonnenten werden gewonnen. Könige, Fürsten und Bischöfe zahlen die verlangten drei Dukaten für das 300 Seiten starke Werk. Die Partitur wird gestochen und erscheint zweisprachig Ende Februar des Jahres 1800. Nun kann die Schöpfung ihre Reise durch ganz Europa antreten. Noch im gleichen Jahr ist sie in Budapest, Prag, London, Graz, Dresden, Berlin, Salzburg, Innsbruck, Leipzig, Bayreuth und Paris zu hören. Zu Lebzeiten des Komponisten – Haydn stirbt neun Jahre später 77-jährig in Wien – gibt es Konzerte in Russland, Polen, Schweden, Italien und der Schweiz.

Das Oratorium, das fast ein Jahr lang adligen Ohren vorbehalten war, befördert nun die bürgerliche Laienchorkultur. Überall werden Singvereine und Musikgesellschaften ins Leben gerufen. Feierliche Anlässe, Einweihungen und Jubiläen bilden den Rahmen für eine Aufführung. Das Werk ist bei den Menschen angekommen.

Immer mehr Musikvereine wollen das Werk aufführen. Und immer großer werden die Chöre. 1818 wird die Schöpfung in Düsseldorf beim niederrheinischen Musikfest aufgeführt, bei dem achtzehn Jahre später Felix Mendelssohns Paulus erstmalig erklingen wird. Im Jahr 1837 sollen fast 700 Choristen, begleitet von 300 Instrumentalisten das Werk in der Wiener Winterreitschule aufgeführt haben – eine frühe Sinfonie der Tausend. Über die musikalische Qualität der Aufführung ist nichts überliefert.

Aufführung der „Schöpfung“ im Festsaal der alten Universität. Der Komponist wohnt (vorne Mitte) dem Konzert bei. Aquarell von Balthasar Wigand, 1808

Ein anderes Konzert in Wien lässt diesbezüglich aber keine Zweifel aufkommen. Antonio Salieri dirigiert am 27. März 1808 die erste Aufführung der Schöpfung in italienischer Sprache außerhalb Italiens. Es ist eine Huldigung für den greisen Komponisten anlässlich seines Geburtstags, die er tiefbewegt entgegennimmt. Es muss an diesem Abend gewesen sein, dass Ludwig van Beethoven – jetzt selbst ein ganz Großer der Wiener Musikwelt – nach der Aufführung vor dem 76-jähigen Haydn auf die Knie geht und seinem ehemaligen Lehrer die Füße küsst.

Es ist Haydns letzter öffentlicher Auftritt.

Dirigentenstab mit Elfenbein. Er wurde Joseph Haydn möglicherweise anlässlich des Konzertes im Festsaal der Universität überreicht.

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16.04.2020: Wunderkinder, wahre Größe und die Freiheit des Alters: Drei Annäherungen an den großen Protagonisten der Wiener Klassik
23.04.2020: England, das Libretto und Baron van Swieten – Die Schöpfung entsteht.
30.04.2020: Wenn Beethoven auf die Knie fällt – Der berühmteste C-Dur-Akkord der Musikgeschichte und der Siegeszug des Oratoriums
07.05.2020: Drei Erzengel und die Aufklärung – Zum Menschen- und Weltbild von Haydns Schöpfung
14.05.2020: Ein großes Oratorium – Warum der Schöpfergott nicht mit einem Kammerorchester gelobt werden kann.
04.06.2020: Löwengebrüll, Mückenschwirren und Pastoral-Oboen – Haydns kompositorische Raffinesse.

Literatur und Links
Klaus Christa, „Denn das Leben ist eine zu köstliche Sache“, Verlag Bucher, 2013
Libretto: www.stanfort.edu
Walter Eigenmann: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“: glarean-magazin.ch
Ilona Haberkamp, Kirstin Pönnighaus, Maria Schors: Joseph Haydn, Die Schöpfung: uni-muenster.de
Gisela Auchter, Hans-Joachim Knopf: Joseph Haydn, Die Schöpfung: sinfonischer-chor-konstanz.de
Wolfgang Gersthofer: Joseph Haydn, Die Schöpfung: carusmedia.com
Gundolf Barenthin, Joseph Haydn, Die Schöpfung: karl-forster-chor.de.
Nikolaus Scholz: „Meine Sprache versteht die ganze Welt“: www.deutschlandfunk.de
James M. Keller: Haydn, Creation, Notes on the Program, New York Philharmonic: nyphil.org
Wikipedia, Die Schöpfung: wikipedia.org
Jochen Kaiser: Die Schöpfung von Joseph Haydn: vkjk.de
WDR Meisterstücke (18.11.2018): WDR Mediathek
WDR Zeitzeichen (29.04.2013): WDR Mediathek


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