Play and conduct: Das Euroclassic Festival Orchester Pirmasens und seine Maestra zauberten einen Abend lang den Himmel auf die Erde

Für viele immer noch ungewöhnlich: Die Violinistin Antje Weithaas leitete das Euroclassic Festival Orchester ohne Pult und Stab. Bei Mendelssohns Violinkonzert führte sie die Musikerinnen und Musiker als Solistin mit der Geige durch die drei zauberhaften Sätze, bei der Beethovensinfonie geschah dies vom Pult der Konzertmeisterin aus. Als die ersten Takte der Hebridenouvertüre erklangen, war der entscheidende Anteil ihrer Arbeit als musikalische Leiterin nämlich bereits getan. In wenigen Proben hatte sie den Musikerinen und Musikern verständlich gemacht, wie sie die von ihr gewählten drei große Werke der klassischen und romantischen Konzertliteratur aufgeführt haben wollte. Das Orchester war willens und in der Lage, das umzusetzen – und hatte dabei hörbar und sichtbar großen Spaß. Die Musikerinnen und Musiker spielten stehend und voller Aufmerksamkeit für den Gesamtklang des Orchesters. Ihr Dank an die Maestra und das Publikum war ein einzigartiges Hörerlebnis, eine wunderbare Konzertouvertüre, ein berühmtes Violinkonzert und Beethovens Pastorale.

Das Euroclassic Festival Orchester war am 8. September bereits zum dreizehnten Mal in der südwestpfälzischen Schuhstadt zu Gast. Apropos Pirmasens: Was viele wissen: Die Schuhstadt in der Südwestpfalz hat große Probleme: Arbeitslosigkeit, öffentliche Verschuldung, schlechtes Image. Was wenige wissen: Seit 2007 hat sie ein eigenes Festivalorchester, das jährlich im Herbst in die Stadt kommt. Die Idee zu seiner Gründung kam den Geschwistern Valentin, Julian und Anna Theresa Steckel beim Abendessen, als sie während ihres Musikstudiums einmal zusammen in ihrem Elternhaus in ihrer Heimatstadt weilten.

Seither ist das Festivalorchester jedes Jahr in der Stadt. Immer wieder sind auch neue Gesichter auf der Bühne zu sehen. Waren die jungen Musikerinnen und Musiker früher befreundete Studenten, sind sie heute sehr gut ausgebildete Künstler, die international unterwegs sind. Sie arbeiten als Solisten oder als erfolgreiche Kammermusikerinnen. Fast niemand ist ü40, alle mögen sich, alle sind hoch motiviert. Da bedarf es einer Leiterin, die die individuelle Klasse zusammenführt. Antje Weithaas gelang das ein weiteres Mal. Auch ein hochklassiges deutsches Sinfonieorchester würde sich schwertun, den transparenten Klang zu erreichen, den das junge Orchester in Pirmasens zu Gehör brachte.

Natürlich war die Festhalle wieder bis zum letzten Platz besetzt. Denn die Pirmasenser wissen längst, welche Schätze – menschlich und musikalisch – sich ein verlängertes Wochenende lang in ihrer Stadt aufhalten. Das alt-ehrwürdige Konzerthaus sah begeisterten Applaus und Standing Ovations. Nur bis zum Südwestrundfunk hat sich die musikalische Qualität des Klangkörpers noch nicht herumgesprochen. Angeblich war kein Übertragungswagen frei.