Das Weihnachtsoratorium des Fünften Evangelisten

Bach

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium ist das populärste aller geistlichen Vokalwerke Bachs und zählt zu seinen berühmtesten Kompositionen. Mit seinen Chören wie „Jauchzet, frohlocket!“, den Arien „Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben“ und „Großer Herr, o starker König“ und den wunderschönen Chorälen möchten es viele Menschen auch heute noch in der Vorweihnachtszeit nicht missen.

Es besteht aus sechs Kantaten, von denen in der Festhalle die ersten drei zur Aufführung kommen. Uraufgeführt wurde das Oratorium in der Weihnachtszeit des Jahres 1734/1735 in Leipzig. Die ersten beiden Kantaten hatte Bach für die Gestaltung der Gottesdienste an den Weihnachtsfeiertagen komponiert. Kantate 3 wurde am 27. Dezember, dem Tag des Apostels Johannes, aufgeführt. Die übrigen Kantaten waren für den 1. Januar, den 2. Januar und den Dreikönigstag, den 6. Januar vorgesehen.

Obwohl es also zu Bachs Zeiten nicht üblich war, mehrere Kantaten am gleichen Abend aufzuführen, versteht sich das Werk doch als ein Ganzes, dessen roter Faden in den Weihnachtsgeschichten des Lukas- und des Matthäusevangeliums zu finden ist. In Kantate 1 wird die Geburt Jesu besungen. Kantate 2 erzählt von der Vision der Hirten, die daraufhin nach Betlehem eilen, um das Kind in der Krippe zu sehen. Ihre Ankunft in der Herberge wird in Kantate 3 besungen.

Hintergrund der Kantate 4 ist, dass nach alttestamentlicher Vorschrift die männlichen Neugeborenen am 8. Tag nach ihrer Geburt beschnitten wurden. Dies geschah und geschieht in Erinnerung an Abraham und den Bund, den Gott mit ihm geschlossen hatte. Das Kind erhielt an diesem Tag seinen Namen. Der Neujahrstag ist deshalb in der katholischen Tradition auch der „Tag der Beschneidung des Herrn.“ Die Kantaten 5 und 6 schließlich greifen die Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums auf. Sie erzählen von der Ankunft der Sterndeuter und von der Rettung des neugeborenen Kindes vor Herodes, der ihm nach dem Leben trachtet.

Mit dem Weihnachtsoratorium hat Johann Sebastian Bach ein Werk geschaffen, das die Erzählung der Weihnachtsgeschichte mit einer Auslegung, mit Deutungen und einer Aneignung verbindet. Die Erzählung geschieht – wie im Barock üblich – durch Tenor-Rezitative. Arien und Ariosi deuten die Weihnachtsgeschichte und legen sie aus. Die Choräle schließlich, die in der Mitte und am Ende einer jeden Kantate erklingen, geben stellvertretend für den Zuhörer die Antwort des Gläubigen auf das Evangelium. Völlig zu Recht wurde Bach deshalb auch der Fünfte Evangelist genannt. Dabei hat er in einer unübertroffenen Weise theologische Aussage und Kompositionskunst aufeinander bezogen. Das Weihnachtsoratorium ist – auch wenn es heute in der Regel konzertant aufgeführt wird – eine klingende Predigt.