Petite Messe solennelle – Rossinis „kleine“ große geistliche Komposition

PMSDie Petite Messe solennelle ist für eine kammermusikalische Besetzung komponiert worden. Rossini sah vier Gesangssolisten, einen Chor, zwei Klaviere und ein Harmonium vor, aber keine weiteren Instrumente. Ohne innere Überzeugung erarbeitete er aber später eine Orchesterfassung, weil er verhindern wollte, dass irgendein fremder Komponist sein Werk durch eine Orchesterfassung entstellt. Weil es irgendwann sowieso eine Orchesterfassung geben würde, so wollte er sie selbst schreiben. „Findet man dieses mein Alterswerk in meinem Nachlass, so kommt ein Adolph Sax“ – der Erfinder des Saxophons 1840 – „oder ein Hector Berlioz“, der bekanntlich riesige Orchester liebte, „und schlagen mir meine paar Singstimmen tot, womit sie auch mich endgültig umbringen würden“, schrieb Rossini. Konsequenterweise hat er diese Fassung zu Lebzeiten nicht zur Aufführung freigegeben.

Als Rossini sich im Jahr 1863 an die Komposition machte, lag die erste Aufführung seiner letzten Oper, von deren Ruhm er nun schon seit vielen Jahren lebte, über 30 Jahre zurück. Als junger Mann hatte er Opern am Fließband geschrieben. Erfolge hatte er zunächst in Italien gefeiert, vor allem in Venedig, in Neapel, in Rom und Mailand. Später lag man ihm auch in London, Wien und Paris zu Füßen. Der Barbier von Sevilla und Die Italienerin in Algier lösten in ganz Europa einen wahre Hype aus. Wer die Ouvertüre der Oper La Gazza Ladra, Die diebische Elster kennt, kann noch heute nachvollziehen, dass seine Melodien nicht nur in den Opernhäusern, sondern auch beim Friseur, in den Kaffeebars und – wenn es das damals schon gegeben hätte – auch in den Fußballstadien gesungen wurden oder worden wären. Dass er mit seinen ernsten Opern nicht die gleiche Begeisterung auslöste, wird er verschmerzt haben, denn er war auch so einer der berühmtesten und angesehensten Komponisten seiner Zeit.

Gioachino Rossini war am 29. Februar 1792 in Pesaro, einer adriatischen Hafenstadt in Mittelitalien geboren, die damals zum Kirchenstaat gehörte. Er lernte Violine und Cembalo. Vor allem aber konnte er wunderbar singen, weshalb sein Onkel den Vorschlag machte, seine wunderbare Sopranstimme durch Kastrierung zu erhalten. Es war sein großes Glück, dass seine Mutter das zu verhindern wusste.

Erste Kompositionen des jugendlichen Rossini entstanden in Bologna, wohin seine Eltern umgezogen waren. Er bekam Unterricht in Cello, Horn, Klavier und Komposition. Er beendete die Schule nicht, sondern ging nach Venedig und hatte dort 20-jährig seine ersten Erfolge.

Schon drei Jahre später wurde zum Leiter eines der berühmtesten Opernhäuser in Italien berufen, dem Teatro San Carlo in Neapel. Er war vertraglich verpflichtet, dort jährlich eine neue Oper aufzuführen. Nebenher leitete er noch das Teatro del Fondo, ebenfalls in Neapel, und auch für dieses Opernhaus musste er jährlich eine Oper komponieren und aufführen. Trotzdem hatte er noch Zeit, für das Opernhaus in Rom den Barbier von Sevilla und für die Mailänder Scala die Diebische Elster zu komponieren. Rossini war damals 25 Jahre alt.

Zusammen mit seiner Frau reiste Rossini nun viel, überall wurden seine Opern aufgeführt. In Wien kam es zu einem Zusammentreffen mit dem fast tauben Beethoven, der ihm die Anerkennung für seine komischen Opern aussprach. „Große ernste Opern“, schränkte er aber ein, „könnt ihr Italiener nicht. Um das wahre Drama zu behandeln, habt ihr zu geringe musikalische Kenntnisse.“ So berichtet es Rossini selbst.

1829, Rossini war nun 37 Jahre alt, schrieb er Guillaume Tell, Wilhelm Tell. Es sollte die letzte Opernkomposition seines Lebens sein.

Nun beginnt die zweite Hälfte seines Lebens. Er komponierte jetzt nur noch wenig. Zeitweise wirkte er als Musiklehrer und förderte Komponisten seiner Zeit. Oft wird gesagt, Rossini habe sich nun nur noch der Komposition lukullischer Köstlichkeiten gewidmet. Dass das nicht ganz stimmt, zeigt sein großes Stabat Mater, das 1842 entstand, und natürlich die Petite Messe solennelle. Es wurde seine letzte große Komposition. Rossini war da bereits 71 Jahre alt. Er nannte sie ironisch seine letzte altersbedingte Todsünde, die ihm der Herrgott doch hoffentlich verzeihen möge.

Die Petite Messe solennelle, die „kleine feierliche Messe“ – ist eigentlich ein Widerspruch in sich selbst. Sie ist ganz und gar nicht klein, sondern dauert fast 90 Minuten. Rossini aber hat sie selbst so genannt. Er komponierte sie als Auftragswerk für das neue Villa und deren Kapelle des Grafen Alexis Pillet-Will und seiner Frau Gräfin Louise Pillet-Will in Paris. Sie wurde mit einem sehr kleinen Chor vor geladenem Publikum aufgeführt. Rossini war bei der Generalprobe selbst dabei, leitete sie aber nicht. Bei der Aufführung war er nicht anwesend. Ein Jahr später wurde das Werk dann noch einmal öffentlich aufgeführt, an gleichem Ort mit gleicher Besetzung. Es war ein großer Erfolg. Auch Komponistenkollegen erkannten an, dass es der alte Rossini noch drauf hatte. Opern konnte er. Das wussten sie schon. Jetzt hörten sie: Er kann auch Messen.

Die Texte der Messe stammen aus einem katholischen Gottesdienst, genauer aus einer katholischen Messfeier. Sie heißen „Ordinarien“. Das sind die Texte, die in jeder Messfeier gleich sind und von den Gläubigen gebetet bzw. gesungen werden. Die Sprache ist Latein. Warum? Weil Latein die Sprache der katholischen Gottesdienst ist. Hochoffiziell ist Latein auch heute noch die vorgesehen Sprache für den Gottesdienst, aber die Landessprachen haben sich weitgehend durchgesetzt.

Die Ordinarien sind dürfen nicht verändert werden. Für Komponisten war das oftmals schwierig, weil der Gottesdienst ja nicht zu lang werden durfte. Die Komponisten behalfen sich deshalb manchmal dadurch, dass die Stimmen gleichzeitig verschiedene Texte sangen. Dann hat man zwar nichts mehr verstanden, aber der ganze Text war da.

Die Ordinariumstexte sind:

  • Kyrie eleison: Das ist natürlich nicht lateinisch, sondern griechisch. Herr, erbarme dich. Es ist ursprünglich ein alter Huldigungsruf im antiken Kaiser- und Götterkult, der auf Jesus Christus umgedeutet wurde.
  • Gloria: Das Gloria greift auf das Weihnachtsevangelium zurück. „Ehre sei Gott in der Höhe“ singt dort auf dem Feld bei den Hirten die Engelsschar.
  • Das Credo vertont einen alten Text, das nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis. Hier hat die alte Kirche im vierten Jahrhundert ihre Glaubensüberzeugungen zusammengefasst. Hauptsächlich in Auseinandersetzung mit sogenannten Irrlehren.
  • Das Sanctus greift die Verherrlichung Gottes aus alttestamentlicher Zeit auf: Heilig, heilig, heilig. So singen nach Jesaja die Engel vor den Thron Gottes.
  • Agnus Dei: der Ruf wird dreimal wiederholt und weist auf Jesus als das Lamm Gottes hin.

Der große Komponist starb 76-jährig am 13. November 1868. Wir begehen also in diesem Jahr seinen 150. Todestag. Er wurde in Paris bestattet. Später wurden seine sterblichen Überreste in die Kirche Santa Croce in Florenz überführt. Dort ruht er nun in der illustren Gesellschaft von Niccolò Macchiavelli, Michelangelo Buonarroti und Galileo Galilei.

Wir wissen nicht, ob ihm diese Begräbnisstätte recht gewesen wäre. Hätte er gewusst, wo er seine letzte Ruhestätte findet, hätte er darauf sicher eine humorvolle Antwort gegeben. Jedenfalls widmete es seine Petite Messe solennelle nicht nur der Gräfin Louise Pillet-Vill, sondern auch dem Herrgott selbst, in dem er auf das Autograph schrieb. „Guter Gott, hier ist sie nun, meine arme kleine Messe. Habe ich nun Musica sacra (geistliche Musik) oder musica maledetta (vermaledeite Musik) geschrieben? Ich bin geboren für die komische Oper, das weißt du ja nur zu gut. Wenig Können und ein kleines Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gib mir ein Plätzchen im Paradies.“

Hoffen und wünschen wir ihm, dass Gott genauso viel Humor hat wie der Komponist dieses großen kleinen Werkes.

Stefan Schwarzmüller, Horst HellerPMS

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